
freilich ist Wert und Bedeutung dieser Unsterblichen. Bei Wenigen bleibt das
Schöne und Große, das sie gefunden, für alle Zeiten, Viele gelten späterer Zeit
nur, weil wir erkennen, wie in ihren Tagen das Wesen der Menschen beschaffen
war, Andere endlich sind ganz nichtig und unnütz, und solche schwinden schnell
dahin. Aber alle Bücher, die geschrieben wurden, vom ältesten bis zum jüngsten,
stehen in einem geheimnisvollen Zusammenhang. Denn sieh, Keiner, der ein Buch
geschrieben, ist durch sich selbst geworden, was er uns ist, jeder steht auf den
Schultern seiner Vorgänger. Alles, was vor ihm geschaffen wurde, hat irgendwie
dazu geholfen, ihm Leben und Geist zu bilden. Und wieder was er geschaffen, hat
irgendwie andre Menschen gebildet, und aus seinem Geist ist in spätere
übergegangen. So bildet der Inhalt aller Bücher ein großes Geisterreich auf
Erden, von den vergangenen Seelen leben und nähren sich Alle, welche jetzt
schaffen. In diesem Sinne ist der Geist des Menschengeschlechts eine
unermessliche Einheit, der jeder Einzelne angehört, der einst lebte und schuf,
und jetzt atmet und Neues wirkt. Der Geist, den die vergangenen Menschen als
ihren eigenen empfanden, er ging und geht jeden Tag in Andere über. Was heut
geschrieben ist, wird morgen vielleicht die Habe von tausend Fremden, wer längst
seinen Leib der Natur zurückgegeben hat, lebt unaufhörlich in neuem irdischen
Dasein fort und wird täglich in Tausenden auf's Neue lebendig.«
    »Höre auf!« rief Ilse ängstlich, »mir schwindelt.«
    »Ich sage dir das heut, weil auch ich mich als bescheidenen Arbeiter in
diesem irdischen Geisterreich fühle. Diese Empfindung gibt mir eine Freude am
Leben, die unzerstörbar ist, und sie gibt mir beides, Freiheit und Demut. Denn
wer in solchem Sinne arbeitet, der schafft, ob seine Kraft sich groß, ob klein
erweise, nicht sich zur eigenen Ehre, sondern für Alle. Er lebt nicht für sich,
sondern für Alle, gleichwie Alle, die gewesen sind, für ihn fortleben.«
    So sprach er ernstaft, von seinen Büchern umgeben, und die scheidende Sonne
warf ihre Strahlen freundlich auf sein Haupt und auf die Behausungen seiner
Geister an der Wand. Ilse aber sagte, an seine Schulter gelehnt, demütig: »Ich
bin dein, lehre mich, bilde mich, mache mich verstehen, was du verstehst.«
 
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                              Unter den Gelehrten.
Ilse steckte den Kopf in das Arbeitszimmer des Gatten.
    »Darf ich stören?«
    »Nur herein!«
    »Felix, wie unterscheiden sich die Faune und Satyre? Hier liest man, die
Satyre haben Ziegenfüsse, die Faune aber Menschenbeine, nur hinten ein kleines
Schwänzchen.«
    »
