, und am traurigsten machen mich die
Geschichtsbücher. So viel Unglück auf Erden, und gerade die Guten nehmen so oft
ein Ende mit Leid. Ich werde dann vermessen und frage, warum hat der liebe Gott
das so gewollt? Und es ist wohl recht töricht, wenn ich das sage, ich lese
deshalb nicht gern in der Geschichte.«
    »Diese Stimmung begreife ich,« erwiderte der Professor. »Denn wo die
Menschen ihren Willen durchzusetzen streben gegen ihr Volk und gegen ihre Zeit,
werden sie am Ende fast immer als die Schwächeren widerlegt; auch was der
Stärkste etwa siegreich durchsetzt, hat keinen ewigen Bestand. Und wie die
Menschen und ihre Werke, vergehen auch die Völker. Aber wir sollen nicht an die
Schicksale eines einzelnen Mannes oder Volkes unser Herz hängen, sondern wir
sollen verstehen, wodurch sie groß wurden und untergingen, und welches der
bleibende Gewinn war, welcher dem Menschengeschlecht durch ihr Leben erhalten
wurde. Dann wird der Bericht über ihre Schicksale nur wie eine Hülle, hinter
welcher wir die Tätigkeit anderer lebendiger Kräfte erkennen. Denn wir
erraten, dass in den Menschen, welche zerbrechen, und in den Völkern, welche
zerrinnen, noch ein höheres geheimes Leben waltet, welches nach ewigen Gesetzen
schaffend und zerstörend dauert. Und einige Gesetze dieses höheren Lebens zu
erkennen und den Segen zu empfinden, welchen dies Schaffen und Zerstören in
unser Dasein gebracht hat, das ist Aufgabe und Stolz des Geschichtsforschers.
Von diesem Standpunkt verwandelt sich Auflösung und Verderben in neues Leben.
Und wer sich gewöhnt, die Vergangenheit so zu betrachten, dem vermehrt sie die
Sicherheit, und sie erhebt ihm das Herz.«
    Ilse schüttelte das Haupt und sah vor sich nieder. »Der römische Mann,
dessen verlorenes Buch Sie zu uns geführt hat, und von dem heut wieder die Rede
war, ist er Ihnen deshalb lieb, weil er die Welt ebenso freudig angesehen hat
wie Sie?«
    »Nein,« versetzte der Professor, »gerade das Gegenteil macht uns seine
Arbeit beweglich. Sein ernster Geist wurde niemals durch fröhliche Zuversicht
gehoben. Das Schicksal seines Volkes, die Zukunft der Menschen liegt ihm als ein
unheimliches Rätsel schwer auf der Seele, in der Vergangenheit erblickt er eine
bessere Zeit, freieres Regieren, stärkere Charaktere, reinere Sitten, er erkennt
an seinem Volke und im Staat einen Verfall, der selbst durch gute Regenten nicht
mehr aufzuhalten ist. Es ist ergreifend, wie der besonnene Mann zweifelt, ob
dies furchtbare Schicksal von Millionen eine Strafe der Gottheit ist, oder die
Folge davon, dass kein Gott sich um das Loos der Sterblichen kümmert. Ahnungsvoll
und ironisch betrachtet er die Geschicke der Einzelnen, die beste Weisheit ist
ihm, das Unvermeidliche schweigend und duldend ertragen
