 diesen
fremdartigen Zuständen Kunde überliefert hat. Wer die erhaltenen Bruchstücke des
Tacitus ehrlich und gescheidt betrachtet, der wird seinen sichern Blick in die
tiefsten Falten eines römischen Gemütes bewundernd ehren. Es ist ein erfahrener
Staatsmann, ein kräftiger und wahrhafter Geist, der uns die geheime Geschichte
seiner Zeit so erzählt, dass wir die Menschen und all ihr Tun verstehen, als ob
wir selbst Gelegenheit hätten, ihnen in das Herz zu sehen. Wer das vermag für
spätere Jahrtausende, der ist nicht nur ein großer Geschichtschreiber, er ist
auch ein bedeutender Mensch. Und vor solcher Gestalt habe ich immer eine
tiefherzliche Ehrfurcht empfunden, und ich halte für eine Pflicht ernster
Kritik, das Mäkeln der Kleinen von solchem Bilde fern zu halten.«
    »Schwerlich hat einer seiner Zeitgenossen,« bestätigte der Doctor, »so tief
die Schwächen der eigenen Zeitbildung gefühlt als er. Immer hat mich gerührt,
wie er das Schwerflüssige seiner Sprache, das Vieldeutige des Ausdrucks mit der
Scheu und Vorsicht entschuldigt, welche unter der Herrschaft des Scheusals
Domitian auch in die Seelen der Besten geschlagen wurden.«
    »Ja,« schloss der Professor, »er ist ein Mann, soweit das in seiner Zeit noch
möglich war, und das ist zuletzt die Hauptsache. Denn was uns am meisten
fördert, ist doch nicht die Summe des Wissens, die wir einem großen Manne
verdanken, sondern seine eigene Persönlichkeit, die durch das, was er für uns
geschaffen, ein Teil unseres eigenen Wesens wird. Der Geist des Aristoteles ist
für uns noch etwas Anderes als die Summe seiner Lehren, welche wir aus den
erhaltenen Büchern zusammensuchen. Und Sophokles bedeutet uns etwas ganz Anderes
als sieben erhaltene Tragödien. Die Art, wie er dachte, fühlte, das Schöne
empfand, das Gute wollte, die soll ein Stück von unserm Leben werden. Dadurch
vor allem wirkt das Wissen aus vergangener Zeit befruchtend auf unser Sein und
Wollen. In diesem Sinne ist auch die schwermütige, trauervolle Seele des
Tacitus für mich weit mehr als selbst seine Schilderungen des Kaiserwahnsinns. -
Sieh, Fritz, und deshalb sind mir dein Sanskrit und deine Inder nicht recht,
ihnen fehlen die Männer.«
    »Sie sind wenigstens für uns schwer erkennbar,« erwiderte der Freund. »Aber
wer, wie du, die homerischen Gesänge den Studenten erklärt, der darf nicht
verkennen, welcher Reiz darin liegt, in die geheimnissvollsten Tiefen des
menschlichen Schaffens hinabzusteigen, in die Periode der Menschheit, wo noch
die junge Volkskraft den Einzelnen, welcher in ihr arbeitet, unserm Blicke
verdeckt, und das Volk selbst in Poesie, Sage, Recht, wie ein Einzelwesen
Lebendiges gestaltend, vor uns tritt.«
    »Wer sich nur damit beschäftigt,« versetzte der Professor eifrig
