, welche ihr
gewinnt, erringt ihr für uns mit, eure Niederlagen brauchen uns nicht zu
kümmern. Wenn wir in den Kampf eintreten, so ist es immer nur, sozusagen, die
Hand des Pococurante, die wir dazu bieten. Wir sind Passagiere auf eurem Schiff,
das nach dem Ideal des besten Staats steuert; aber wenn die Barke scheitert, so
ertrinkt nur ihr; - wir haben unsere Schwimmgürtel und schaukeln lustig und
wohlbehalten unter den Trümmern. Seit man uns nicht mehr als Brunnenvergifter
und Christenkindermörder totschlägt und verbrennt, sind wir viel besser gestellt
als ihr alle, wie ihr euch nennen mögt, ihr Arier: Deutsche, Franzosen,
Engländer. Einzelne Narren unter uns mögen diese günstige Stellung aufgeben und
sich um ein Adoptivvaterland zu Tode grämen à la Löb Baruch, germanice Ludwig
Börne; mein Freund Harry Heine in Paris bleibt trotz seines weißen
Katechumenengewandes ein echter Jude, dem alles Taufwasser, aller französische
Champagner und deutsche Rheinwein das semitische Blut nicht aus den Adern spült.
Weshalb sollte er deutsche Schmach und Schande nicht mit einem Anhauch von
Wehmut verspotten? Jede Dummheit und Niederträchtigkeit, die man diesseits des
Rheins begeht, ist ja ein Gottessegen für ihn!«
    Wie Hans Unwirrsch während solcher Auseinandersetzung auf dem Stuhle hin und
her rutschte, wie er vergeblich versuchte, den Redner zu unterbrechen, ist kaum
zu beschreiben. Und wenn Moses endlich eine Pause machte, um Atem zu schöpfen,
zog Hans doch keinen Vorteil daraus; er war ebenso atemlos wie der Redner und
brachte kaum einige klägliche Interjektionen und das Wort »Egoismus« heraus.
    Egoismus?! Moses Freudenstein hatte das Wort natürlich sogleich aufgefangen
und ging mit frischer Kraft ins Zeug:
    »Egoismus? Du nennst das so; aber beschau nur die Sache näher. Die
Philosophie der Geschichte nicht weniger als die Philosophie des Individuums
gibt mir recht. Ich sage übrigens ja gar nicht, dass der Vorteil unserer
gegenwärtigen Stellung darin bestehe, dass wir bei euren Haupt- und
Staatsaktionen schadenfroh oder achselzuckend mit dem bekannten Spiel des
Daumens als Zuschauer im Circus maximus sitzen. Wir können auch für irgendeine
schöne, hohe Sache, zum Beispiel Schicksal, Ehre und Glück der deutschen Nation
in die Arena hinabsteigen und Elend und Tod dafür auf uns nehmen. Unser Vorteil
besteht grade auch darin, dass wir mit einem freiern, geistigeren animus in
solches Elend, in solchen Tod gehen. Ihr kämpft und leidet pro domo; wir opfern
uns für einen reinen Gedanken; - was sagst du dazu, mein Sohn Johannes?«
    Nun wäre es selbst für einen schnellern Geist schwierig gewesen, auf diese
Rede alles das kurz und bündig zu erwidern, was darauf gehörte. Von Hans
Unwirrsch war es nicht zu verlangen, und Moses Freudenstein durfte nach
Herzenslust
