 falsche Trugbilder
verwirren, wenn ihn Irrlichter verlocken. Vater, wer unter so niederm Dach
hervortritt wie wir, der muss im Guten oder im Bösen ein starkes Herz haben, um
nicht, nach, den ersten Schritten aufwärts, wieder umzukehren und in der Tiefe
sein dunkles Leben weiterzuführen. Selbst die ersten Kenntnisse und Erfahrungen,
die er erwirkt, dienen nur dazu, den Einklang seines Wesens zu zerstören; sie
machen ihn nicht glücklich. Zu allen andern Zweifeln erwecken sie ihm noch den
Zweifel an sich selber. O Vater, Vater, es ist schwer, ein rechter Mensch zu
sein und jedem Dinge sein rechtes Maß zu geben; wer aber mit der Sehnsucht
danach in der Tiefe geboren wird, der wird doch eher dazu kommen als jene, die
zwischen Gipfel und Niederung erwachen und denen das Oben wie das Unten gleich
unbekannt und gleichgültig bleibt. Aus der Tiefe steigen die Befreier der
Menschheit; und wie die Quellen aus der Tiefe kommen, das Land fruchtbar zu
machen, so wird der Acker der Menschheit ewig aus der Tiefe erfrischt. O Vater,
der Mensch hat doch nichts Besseres als dies schmerzliche Streben nach oben!
Ohne es bleibt er immerdar Erde, von Erde genommen, in ihm und durch es richtet
er sich aus aller Leibeigenschaft des Staubes auf, in ihm reicht er, wie wenig
es auch sei, was er erlange, allen himmlischen Mächten die Hand; in ihm steht er
auf der winzigsten Scholle, in dem engsten Kreise als Herrscher des
unendlichsten Gebietes da, als Herrscher seiner selbst. Auch der Zweifel ist ja
Gewinn in seinem Leben, und der Schmerz ist so edel - oft edler als das Glück,
die Freude. Vater, ich bin meinen Weg in Unruhe gegangen; aber ich habe die
Wahrheit gefunden: ich habe gelernt, das Nichtige von dem Echten, den Schein von
der Wirklichkeit zu unterscheiden. Ich fürchte mich nicht mehr vor den Dingen,
denn die Liebe steht mir zur Seite; - Vater, segne deinen Sohn für seinen
künftigen Weg und bitte für ihn, dass der Hunger, der ihn bis hierher geleitet
hat, ihn nicht verlasse, solange er lebt.«
    Mit allen seinen Gestorbenen Verkehrte Hans an diesem dunkeln Christmorgen,
ehe die Dämmerung kam. Sie schritten im langen Zuge vorüber, und er dankte jedem
für das, was er von ihm als Mitgabe für den Lebensweg erhalten hatte. Dass die
Mutter, die kleine Sophie, der Armenlehrer Karl Silberlöffel, die Base
Schlotterbeck und der Oheim Nikolaus Grünebaum vorübergingen und ihm lächelnd
zunickten, das war kein Wunder; aber es war fast ein Wunder, wie viele andere
Leute aus dem Dunkel hervortraten, um ihr Teil an seinem Werden und Wachsen in
Anspruch zu nehmen. Es war
