's eigentlich
schickte.
    Für den Sohn des seligen Schwagers mangelte es jedoch dem guten Mann
durchaus nicht an natürlicher Zuneigung. Mit Wohlwollen nahm er ihn auf in
seinem verwahrlosten Loche und gab ihm gute Lehren über Welt und Leben,
Vogelzucht und Politik nach seiner Art. Wenig verstand Hans von der Weisheit des
»Postkuriers für Stadt und Land«, aber einzelne Namen wie Navarin, Missolunghi,
Bozzaris, Ibrahim-Pascha nahm er doch, mit offenem Mund in sich auf, und eine
große Griechen-und-Türken-Schlacht wurde in der Kröppelstraße geschlagen;
blutige Köpfe gab's dabei, und Silberlöffel, der Armenlehrer, musste viel
Anzüglichkeiten darob von den erzürnten Eltern vernehmen.
    Der Oheim Grünebaum war ein gewaltiger Philhellene; aber noch mehr war das
der arme Karl Silberlöffel, der mit wahrhaft fieberhaftem Interesse dem blutigen
Kampfe im fernen Osten folgte. Auch die Base Schlotterbeck war eine große
Philhellenin, und in der Kröppelstraße gab es eigentlich nur einen Mann, der
Partei für die Türken nahm, weil er die Griechen aus eigener Anschauung und
Erfahrung kannte. Dieser Mann war Samuel Freudenstein, der Trödeljude, der einst
weit genug in der Welt umhergekommen war und welcher von den »Höllönen« fast
noch weniger hielt als Jakob Philipp Fallmerayer, der orientalische Fragmentist.
Der Trödler behielt aber seine Ansicht für sich und entging somit den
mannigfachen Unannehmlichkeiten, die der treffliche Münchener Gelehrte zu
erdulden hatte.
    Von dem Oheim Grünebaum wurde Hans übrigens zum erstenmal wirksam darauf
aufmerksam gemacht, dass man dem Lehrer Silberlöffel doch wenigstens einigen
Respekt schuldig sei. Unter meinen männlichen Lesern wird wohl niemand sein, der
nicht weiß, was für eine Tyrannei in der Schule von Schulknaben ausgeübt werden
kann und ertragen wird, der nicht weiß, was es um die »öffentliche Meinung«
unter einer Bande solcher jungen Geister ist. Der Oheim Grünebaum war schuld
daran, dass Hans Unwirrsch dieser öffentlichen Meinung in einem Falle die ganze
Wucht seiner kleinen Persönlichkeit entgegenwarf und heldenmütig die Folgen
davon ertrug. Zwischen Lehrern und Schülern herrscht dasselbe Verhältnis wie im
Völkerverkehr. Was auch der Lehrer tun mag, um das Vernunftrecht zur Darstellung
zu bringen, seine Schüler stützen sich immer wieder auf das Naturrecht. Ein
fortwährender, scharf beobachtender Kriegszustand ist die Folge davon, und nicht
immer hat der Lehrer die bessere Hand im Kampf gegen den rücksichtslosen Feind,
dem jede Waffe recht ist und der kein Erbarmen kennt. Manch hochbegabte Natur
ist schon in solchem Kampfe zugrunde gegangen.
    »Hannes«, sagte der Oheim, »wenn ich in deiner Stelle wäre, so machte ich
nicht mit die andern so 'n tagtäglich heillos Spektakulum in der Schule, dass,
wenn 'n Mensch da vorbeigeht, er sich die Ohren zustopfen muss. Mich jammert
