 fühlte zum erstenmal in seinem Leben, was der Hass sei;
er hasste die schlüpfrige, ewig wechselnde Kreatur, die sich einst Moses
Freudenstein nannte, von diesem Augenblick an mit ganzer Seele. Er hätte laut
aufschreien mögen, aber seine Zunge war nicht in seiner Gewalt; er hätte
aufspringen mögen, um diesen Moses Freudenstein mit den Fäusten und Zähnen zu
packen; allein, sein armer Körper war eine bewegungslose Masse, über die er
keine Macht hatte. Aber mit dem Auge konnte er ihn erreichen! - Teophile Stein
fuhr zusammen und zurück; er lächelte nicht mehr; - Johannes Unwirrsch versank
abermals in die Phantasien des Fiebers, doch die Gewissheit nahm er in sie mit
hinüber, dass er sich einen unversöhnlichen Feind erworben habe.
    Als er von neuem aufwachte, war manch ein Tag vergangen.
    Zwei andere Gesichter und Gestalten sah er neben seinem Schmerzenslager. Zu
Füßen des Bettes saß der Geheime Rat Götz, gelblichbleich, müde und kummervoll,
ganz ohne Mechanik, aber als ein gebeugter Mann, der teilnehmen konnte an
fremdem Elend! Und neben ihm - neben ihm, mit der Hand auf seiner Schulter,
stand - Franziska - das Fränzchen, mitleidig und mild wie immer, und mit Tränen
in den Augen, des Leutnants Rudolf liebliches Fränzchen!
    Und dieses Fränzchen hatte keine Ahnung davon, wie scharf der Kranke auch in
diesem Augenblick sah. Es war doch sonst so ziemlich Herrin über seine
Gesichtszüge, zum Beispiel der Herrin des Hauses gegenüber bei manchen bösen
Gelegenheiten; aber in dieser Stunde gab es sich nicht die geringste Mühe, sie
zu beherrschen.
    Es erschrak auch sehr, das Fränzchen, und errötete tief, als es plötzlich
bemerkte, dass Hans Unwirrsch wache und sehe. Hans musste die Augen schließen, und
als er sie wieder öffnete - er konnte die Zeit nicht recht angeben -, waren auch
diese beiden Gestalten nicht mehr da. Sie hatten der alten, rohen Wärterin aus
dem Hospital Platz gemacht; aber es schadete nichts.
    Die Sonne war aufgegangen in Hans Unwirrschs Seele; es wusste, dass er nicht
sterben würde, und er wusste ein noch viel Wichtigeres: er hatte erkannt, weshalb
der vagabundierende Bettelleutnant Rudolf Götz ihn in dieses Haus, in so großes
Ärgernis und unbehagliches Wesen gebracht hatte!
    Nach allen Seiten hin nahmen die bösen Geister die Flucht. Segen über den
Leutnant Rudolf Götz! Gottes Segen über des Leutnants Fränzchen! Es war großer
Jubel in der hungrigen Seele des Kandidaten Johannes Unwirrsch, und es schadete
auch nichts, dass ihm noch einmal die Sinne vergingen; es war alles gut. Die
Fieberphantasien wiederholten sich nicht; es kamen die Tage der Genesung. Weder
Franziska noch der Doktor Teophile Stein zeigten sich ferner in dem Zimmer des
Kranken;
