
ein anderes Schullokal gesorgt haben.
    Karl Silberlöffel unterschrieb sich der Lehrer auf den Quittungen für die
stupenden Geldsummen, die ihm der Staat quatemberweise auszahlte. Ach, der Arme
führte seinen Namen nur der Ironie wegen; er war nicht mit einem silbernen
Löffel im Munde geboren worden. Er hätte dem Kultusministerium viel Stoff zum
Nachdenken geben müssen, wenn nicht diese verehrliche und hochlöbliche Behörde
durch Wichtigeres abgezogen gewesen wäre. Wie kann sich die hohe Behörde um den
Lehrer Silberlöffel bekümmern, wenn die Frage, welches Minimum von Wissen den
unteren Schichten der Gesellschaft ohne Schaden und Unbequemlichkeit für die
höchsten gestattet werden könne, noch immer nicht gelöst ist? Noch lange Zeit
werden die mit der Lösung dieser Frage beauftragten Herren die Volkslehrer als
ihre Feinde betrachten und es als eine höchst abgeschmackte und lächerliche
Forderung auffassen, wenn böswillige, revolutionäre Idealisten verlangen, auch
ein hohes Ministerium möge seinen Feinden Gutes tun und sie zum wenigsten
anständig kleiden und notdürftig füttern. O du gute alte Zeit, wo die Menschheit
noch aus der Hand des einen Unteroffiziers in die des andern überging! O du gute
alte Zeit, wo nicht allein die Armee unter dem Korporalstock stand!
    Der Hungerpastor hat später noch einmal so gern seinen Schulmeister in
Grunzenow zu seinem Sonntagsbraten, seiner Martinsgans und seinem
Weihnachtspunsch eingeladen, wenn er sich seiner ersten Schultage und des
Armenlehrers Silberlöffel erinnerte. Er hatte auch nichts dagegen, wenn der
Schulmeister an der Ostsee einen Teil der guten, nahrhaften Dinge für seine
sieben Buben daheim einsäckelte: er brachte ihm selbst die alte Zeitung dazu und
half die Tüte in die enge Rocktasche zwängen.
    In dem Spritzenhause zu Neustadt saßen rechts die Mädchen, links die Knaben.
Zwischen diesen beiden Abteilungen lief ein Gang von der Tür zum Pult des
Lehrers, und in diesem Gange hustete Silberlöffel auf und ab, ohne dass es
irgendeinen in der jugendlichen Schar rührte. Lang, sehr lang war der Arme;
hager, sehr hager war er; sehr melancholisch sah er aus, und das mit Recht. Ein
anderer an seiner Stelle hätte sich in dem feuchten, kalten Raume munter und
warm geprügelt; aber selbst dazu war er nicht mehr imstande. Seine schwachen
Versuche in dieser Hinsicht galten nur für gute Späße; seine Autorität stand
unter Null. Ein herzzerreissender Vorwurf für alle Wohlgekleideten war der Anzug
dieses verdienstvollen Mannes; der Hut führte mit seinem Besitzer eine wahre
Tragödie auf. Zwischen beiden handelte es sich darum, wer den andern überdauern
würde, und der Hut schien zu wissen, dass er gewinnen müsse. Ein diabolischer
Hohn grinste aus seinen Beulen und Schrammen. Das Scheusal wusste, dass es auch
noch den Nachfolger des armen, schwindsüchtigen Mannes überleben könne; es
machte sich nicht das geringste aus dem Schimmel und Schwamm des Spritzenhauses.
