 in
tiefster Seele zu ängstigen. Wenn er sein unruhig Herz aus den schwarzen Mauern
der Fabrik auf die Feldwege trug, schritt er, der sonst die Kunst des
Schlenderns aufs höchste ausgebildet hatte, so hastig hin, als ob er einem
Gefängnis entflohen sei und die Verfolger hinter sich höre. Mehr als je dachte
er jetzt wieder an den verschollenen Moses, und allerlei bunte Phantasien über
das Los, welches diesem zuteil geworden sein mochte, kamen ihm in den Sinn.
Wunderliche Ideen und Wünsche kehrten jetzt seltsamerweise in verdoppelter
Stärke wieder. Vergebens suchte er dieselben zu bekämpfen, vergebens sagte er
sich täglich vor, dass er mit ihnen eigentlich schon vor langen, langen Jahren in
dem Hause des Kanzleidirektors Trüffler in seiner Vaterstadt gebrochen habe; -
sie waren immer wieder da und ließ sich nicht so leicht vertreiben wie damals,
als Hans noch mit Moses Freudenstein auf die Schule ging. Seltsam war's in
Hinsicht auf Hans, doch kein Wunder überhaupt, dass diese Wünsche nach einer
freiern, weitern, schöneren Welt sich regten. Es musste so herrlich sein und so
nutzbringend, inmitten eines strebenden Gewühls der Intelligenzen zu leben. Dort
allein, wo alle Grade und Schattierungen der menschlichen Gesellschaft auf dem
Kampfplatz vertreten waren, in den großen Städten, konnte man den Menschen und
das, was über dem Menschen ist, erst recht erkennen lernen. In der Öde und
Abgeschiedenheit lernte Hans Unwirrsch seinen Freund Moses begreifen; aber die
Maschen des Netzes, welches ihn gefangenhielt, lagen dicht und unzerreissbar um
seine Glieder, und je mehr er zappelte, desto erstickender zogen sie sich um ihn
zusammen. In diesem Netze tötete ihn fast der Hunger. Er konnte seine Stellung
nicht verlassen. Durch einen guten, sichern Kontrakt hatte ihn der Prinzipal auf
drei lange Jahre gebunden, und nur er - der Prinzipal - konnte diesen Kontrakt
aufheben. Trichtern musste Hans Unwirrsch, wenn nicht die Götter sich ins Mittel
legten und ihn aus der selbstverschuldeten Knechtschaft erlösten. Dass dieses
geschah, musste der Befreite für ein hohes Glück nehmen, obgleich es die Folge
sehr trauriger Ereignisse war.
    Es brach in der Gegend gegen Mitte des Herbstes eine böse Krankheit aus, die
viel Ähnlichkeit mit dem Hungertyphus hatte. Sehr viele Leute starben daran,
sehr viele trugen ein lebenslängliches Siechtum davon, und sehr, sehr viele der
Überlebenden fanden sich, wenn die Leichen aus den Häusern geschafft waren, in
der drückendsten Not und Armut. Auch der ärmste Mensch kann zuletzt den Hunger
und die Sorge nicht mehr ertragen, und leider macht er dann keine schriftlichen
Eingaben an die Behörden, sondern er schlägt mit der Faust an die Tür der Leute,
welche noch etwas zu essen haben. Letzteres geschah denn auch diesesmal an
dieser Stelle. Das
