 Leben; er verlor den Hunger
nach dem Idealen, dem Überirdischen, nicht, aber dazu gesellte sich nunmehr der
Hunger nach dem Wirklichen, und
    die Verschmelzung von beiden, die in so feierlichen Stunden stattfand, musste
einen guten Guss geben.
    Neben dem Lager der sterbenden Mutter bereitete er seinen Arbeitstisch. Da
saß er und schrieb, indem er zugleich den Schlummer der Kranken bewachte. Das
Konsistorium hatte ihm die Examinationsaufgaben zugestellt, er begann dieselben
mit einem Eifer, den er gänzlich in sich erloschen geglaubt hatte. Es war eine
seltsame, traurig-glückliche Zeit.
    Welch ein Licht am Abend und in der Nacht die Glaskugel des Meisters Anton
über den Tisch und durch das Gemach warf! Niemals vorher und niemals nachher gab
sie solchen Schein. In dem Glanz sah die Frau Christine ihr ganzes Leben wie in
einem Zauberspiegel. Sie sah sich als Kind, als junges Mädchen und fühlte auch
so. Die Eltern und der Eltern Eltern kamen und gingen: sie sah sie so deutlich
und lebendig, wie nur die Base Schlotterbeck dieselben sehen konnte. An ihre
Kinderspiele und alle ihre Freundinnen dachte die Frau Christine, und das Licht
der Kugel war wie Mondenschein, Sonnenaufgang und Sonnenuntergang oder wie der
klare Mittag. Die kranke Frau hatte so vieles vergessen, und nun war es auf
einmal wieder da, und nichts davon war verlorengegangen - man konnte sich wohl
darüber verwundern. Die kranke Frau musste oftmals die Augen schließen, weil die
Gestalten und bunten Bilder in zu großer Fülle aus der fernen Zeit
herüberschwebten; - jetzt kam es ihr recht in den Sinn, wieviel, wie unendlich
viel sie doch in ihrem Leben erlebt hatte. Da war ihr Anton, der wohl öfters
geklagt hatte, dass er so still und so in der Dämmerung sitzen müsse und dass er
gar nicht daran denken dürfe, wie so viele Menschen über Berg und Tal führen und
über das weite Meer und wie man fremde Länder entdecke und wie soviel Gewimmel
und Lärm in der Welt sei; - die Frau Christine dachte dieser Klagen, wie sie auf
ihrem Schmerzensbett lag, und nickte mit dem Kopf und schüttelte ihn und
lächelte. Der närrische Anton, hatte er nicht Spektakel und Aufregung genug in
seinem Leben? Gab es darin nicht genug Hinundherrennen? Da war zum Beispiel der
Hochzeitstag, wo die Christine zum allerletztenmal als Mädchen tanzte und Anton
so stattlich aussah in seinem Bräutigamsrock. War das nicht ein helles Leben,
und war das nicht ein größer Ding, als über die See zu fahren nach den
Affenländern? Und was musste man nicht erleben in der Franzosenzeit, als die
Anna, welcher der Bruder Niklas sich beinahe versprochen hätte, mit den Husaren
fortging. Das war Anno sechs, und es war doch merkwürdig,
