 einer Kirche sehen ließ; der Pöbel bekreuzigte sich vor ihm, wie
vor einem, der offenbar mit dem Gottseibeiuns in näherem Verhältnis stand, als
einem ehrlichen Christenmenschen lieb ist. Hätte er zweihundert Jahre früher
gelebt, würde man ihn ohne Zweifel als Hexenmeister und Zauberer verbrannt
haben.
    Allerdings muss ich gestehen, dass der gebildete und ungebildete Pöbel nicht
so ganz Unrecht hatte, wenn er meinem Vater Ideen und Ansichten zutraute, die in
das Hirn eines gewöhnlichen Menschen nicht passen. Er hatte die unsäglichste
Verachtung vor allem Autoritätsglauben, da er sich durch denselben in der
Freiheit seines Denkens beeinträchtigt sah, und einen glühenden Hass gegen alle
weltliche Tyrannei, weil sie die Freiheit seines Handelns aufhob. Er erklärte
die Republik für die einzige Staatsform, unter der sich ein Mann, der den
richtigen point d'honneur habe, glücklich fühlen könne. Jede Bevorzugung der
Einzelnen oder der Wenigen vor den Vielen sei eine Ungerechtigkeit, die nur
durch die Frechheit jener und durch die lammherzige Feigheit dieser erklärlich
werde. Zwischen einer Schafheerde, die sich von einem stumpfsinnigen Knecht und
einem bissigen Köter zur Schlachtbank treiben, und einem Volk, das sich von
einer, im Verhältnis unendlich geringen Anzahl Menschen gängeln und hudeln lasse
- sei der Unterschied am Ende so gar groß nicht, nur dass die Menschen ihrer
Schande ein hübsches Mäntelchen umhängten, wozu die Schafe allerdings nicht im
Stande seien.
    Vor allem grimmig war der Hass, mit dem mein Vater den Adel hasste. Er
verfügte über ein ganzes Lexikon von schmähenden Beiwörtern, sobald er auf
diesen Stand zu sprechen kam. Nie setzte er einen Fuß in das Haus eines
Adeligen, und Schüler von Adel, die sich bei ihm meldeten, wurden ohne alle
Umstände zurückgewiesen. Einmal, als wir mit der Pistole nach der Scheibe
schossen - eine Fertigkeit, in der er excellirte - sagte er mir, dass er in
jüngeren Jahren gehofft habe, sich durch eine Kugel an einem Adeligen zu rächen,
der ihn tötlich beleidigt hatte. Unglücklicherweise sei der Mann vor der Zeit
gestorben. Das ist die einzige Andeutung, die ich je von meinem Vater über sein
früheres Leben gehört.
    Und in dem fast ausschliesslichen Umgange mit diesem Mann bin ich
aufgewachsen. Wunderlich, wie er selbst, war auch das Verhältnis, das zwischen
uns stattfand. Obgleich mein Vater mehr für mich tat, als sonst die Eltern
zusammen für ihr Kind tun, obgleich er eigentlich nur für mich lebte und darbte
- so glaube ich doch nicht, dass er mich wahrhaft liebte. Er war ein rein
spiritualistischer Mensch. Entweder war sein Herz einmal in seinem Leben tödlich
getroffen von einem Schlage, den es nie wieder überwand, oder er hatte auf der
Retorte seines Skepticismus alle Gefühle zu Gedanken verflüchtigt. Er
