 aushöhlen, wie die
Maden die Frucht; dass unsre beste Freude ein Tanz über Gräbern ist und dass, wenn
das Leben wirklich köstlich war, der unerbittliche Tod ein Spott und ein Hohn
ist für dies köstliche Leben. - Und ich sah mich um in der Natur, aus der die
Poeten eine Idylle machen, und sah, dass sie entweder tot und fühllos ist, oder,
wo sie lebt und fühlt, das blutige Drama des menschlichen Daseins nur in
roherer, nackterer Form wiederholt. Ich sah, dass die einzelnen Geschlechter der
Tiere in grimmiger, unversöhnlicher, von keinem Gottesfrieden unterbrochener
Fehde begriffen sind und dass ihre Kriege mit einer brutalen Grausamkeit geführt
werden, neben der sich manchmal die raffinirtesten Martern der Inquisition noch
sehr unschuldig ausnehmen.
    Und während ich so Stück für Stück die bunten Lappen, mit denen die Feigheit
und der Aberwitz die Wunden und Pestbeulen des Lebens zu verhüllen sucht, abriss,
erwachte in mir ein Gefühl, das meinem Herzen bis dahin fremd gewesen war, der
Hass. Es war nur die Liebe in anderer Form, trotzdem ich mir einredete, ich hätte
die Treulose vergessen; es war nur ein anderer Ausdruck der Bejahung des Lebens,
von dem ich noch immer nicht lassen konnte, trotzdem ich mir einbildete, ich
hätte mit dem Leben abgeschlossen. Wenn man das Leben wirklich verneint, so weiß
man nichts mehr von Hass und Liebe.
    Damals aber hasste ich, heiß, wie ich geliebt hatte. Mein ganzes Sinnen und
Trachten concentrirte sich bald in dem einen glühenden Wunsch der Rache. Rache!
Rache! an ihm, an ihr! so schrie eine Stimme in mir, die nicht zum Schweigen zu
bringen war.
    In Fichtenau kannte man mein Schicksal und interessierte sich dafür mit jener
wohlfeilen Sympatie, die sich von der Skandalsucht und der Schadenfreude
freihalten lässt. Man erzählte mir, ohne dass ich darum fragte, Alles, was man von
Eleonorens Flucht wusste.
    Um dieselbe Zeit, als ihre Briefe ausblieben, war ein junger polnischer Graf
nach Fichtenau gekommen und hatte bei dem alten Rector die Wohnung bezogen, die
ich früher gehabt hatte. Das ganze Städtchen war bald voll gewesen von seiner
Schönheit und seinem Reichtum. Man hatte Eleonoren mit einem so gefährlichen
Hausgenossen geneckt; sie hatte dergleichen Scherze ihrer Freundinnen mit großer
Indignation zurückgewiesen. Bald aber sagte man ihr nicht mehr in's Gesicht, was
man von ihrem Verhältnis mit dem jungen Grafen dachte, sondern tuschelte sich
nur in die Ohren, dass man sie da und da des Abends spät mit ihm gesehen habe;
dass die goldene Kette, die sie auf einmal trage, auch wohl nicht aus dem Nachlass
ihrer Mutter sei. Und dann kam ein Tag, wo man sich nicht mehr in'
