, dauerte lange, denn meine Kräfte
waren bis auf's äußerste erschöpft worden. Ich schlich an einem Stabe durch die
Gassen des Städtchens, und freute mich, wenn ich jeden Tag ein paar Fuß höher
bergan steigen konnte, bis ich es endlich so weit gebracht hatte, dass ich diesen
Platz hier erreichte - den Zeugen eines Schwures, der, wie ich erwähnte, für die
Ewigkeit geschworen war, und der verweht war, wie der Hauch des Mundes. Hierher
kam ich jeden Tag, um über mein verlornes Glück zu weinen und mit dem Himmel zu
hadern, der seine Sonne scheinen lässt über die Ungerechten, und auf Gerechte
seine Blitze schleudert. Denn ich war, wie Lear, ein Mann, an dem mehr gesündigt
war, als er sündigte. Ich hatte es treu und gut gemeint mit Allem, was ich
erstrebt und gewollt im Leben. Ich hatte mein Vaterland geliebt, wie ein Kind
die Eltern liebt, mit gläubiger Seele - und zum Dank dafür hatte es mich fünf
Jahre im Kerker schmachten lassen; ich hatte Eleonore angebetet mit jedem
Blutstropfen meines Herzens - und zum Lohn dafür hatte sie mich verraten. Ich
hatte bis zu diesem Augenblicke so gelebt, dass ich hintreten konnte vor alle
Welt und sprechen: wer kann mich einer Sünde zeihen - und doch! und doch! Ich
marterte mein Hirn mit dem Versuch der Lösung dieser Widersprüche ab. Ich hatte
noch immer nicht begriffen, dass das Leben selbst die große Sünde ist, aus der
alle andern mit derselben Notwendigkeit fließen, mit welcher der Stein, der
einmal in Bewegung gesetzt ist, unaufhaltsam in den Abgrund rollt. Aber so viel
wurde mir doch klar, dass es kein Gott der Liebe sein kann, der eine Welt erschuf
und schafft, in welcher die Sünden der Väter an den Kindern und Kindeskindern
heimgesucht werden, eine Welt, die überall nach dem jesuitischen Grundsatz
regiert wird, dass der Zweck die scheusslichsten Mittel heiligt. Ich hatte bis
jetzt an den Dingen und Menschen nur überall die gute Seite aufgesucht, jetzt
hatte das Leid, das mich selbst betroffen, mein Auge aufgetan für die Leiden
aller Kreaturen. Ich dachte jetzt daran, dass auf jedem Blatte der Geschichte
eine Schaudertat verzeichnet steht, vor der sich unser Haar sträubt und unser
Blut gerinnt; ich dachte daran, dass in jedem Menschenherzen eine dunkle Stelle
ist, an der er verhüllten Angesichts vorüberschreitet; dass noch kein Mensch das
Licht erblickte, für den nicht eine Stunde kam, in welcher er wünschte, er wäre
nicht geboren; ich dachte daran, dass das Leben unzähliger Menschen nichts weiter
als ein verzweifelter Kampf mit der grimmen Not ist; dass Krankheit und Sünde
und Reue und Sorge - die trefflichen Minirer - unser Leben
