 Berger aufschauend.
Mein Verstand sagt mir, dass Sie recht haben; aber - mein Auge trinkt den Zauber
dieser abendlichen Landschaft, trinkt ihn bis in's Herz hinein und in meinem
Herzen flüstert eine Stimme: Die Welt ist so schön, so schön! und wenn auch das
Leben Dir Bitternisse ohne Zahl zu kosten gibt, doch ist es süß - sagen Sie,
Berger, haben Sie je geliebt mit aller Kraft der Seele? und kann die Liebe
sterben, wie der Sommer und die Blumen und der warme Sonnenschein?
    Berger lächelte - es war ein sonderbares, unheimliches Lächeln.
    Ob ich geliebt habe?
    Er senkte den Blick und hob mit seinem Stabe von der Moosdecke zu seinen
Füßen ein Stück ab.
    Was frommt es, sagte er, den Schleier heben, den so viele Jahre über die
Vergangenheit breiteten? Du siehst, was drunter ist, ist Moder und Verwesung.
    Und doch, sagte er nach einer Pause, es ist gut, wenn Du auch das erfährst.
Höre!
    Es sind jetzt dreißig Jahre her - ich stand damals in Deinem Alter, aber
ohne Deine Erfahrungen gemacht zu haben, in frischer ungebrochener Kraft mich an
das Leben klammernd, das mir süß und köstlich schien, wie eine liebe Braut. Wenn
je ein Mensch geschwärmt hat für Freiheit und Schönheit, für all die bunten
Phantasmagorien, mit welchen der blinde Drang, der uns in's Dasein rief, sich
selbst zu beschönigen und die jämmerliche Hohlheit des Daseins zu verdecken
sucht - wenn je ein Mensch für die blutlosen Schemen, die man Ideale nennt -
begeistert war - so bin ich es gewesen. Ich glaubte, Tor, der ich war, dass die
ewige Seligkeit schon hier auf Erden erreicht sei, überall, wo im freien Lande
freie Menschen wohnten. Ich glaubte an ein Vaterland und habe auf den
Schlachtfeldern von Leipzig und Waterloo mit meinem Blute meinen Glauben
besiegelt. Ich kam zurück, voll des heißen Dranges, das angefangene Werk zu
vollenden. Aber ehe ich daran gehen konnte, die Wunden, die der Krieg dem
Vaterlande geschlagen, zu heilen, musste ich an die Heilung meiner eigenen Wunden
denken. Man schickte den Reconvalescenten nach Fichtenau.
    Damals sah es noch anders aus in Fichtenau. Es existirte noch kein Curhaus
und keine Heilanstalt für Geisteskranke - nichts desto weniger wurde der Ort
nicht leer von Fremden, denn der poetische Nimbus, den die großen Männer von
Weimar über diese Täler ausbreiteten, lockte die Menge. Ich hielt mich fern von
ihr, und lebte einzig meiner Gesundheit meinen Studien.
    Ich wohnte in dem Hause eines alten Rectors, mit dem ich bekannt geworden
war und dessen Freundschaft ich cultivirte, weil er eine verhältnismäßig große
Bibliothek besaß und Bücher dazumal,
