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    Ich weiß es nicht, erwiderte Melitta; wissen Sie es nicht, Oldenburg?
    Nein; ich habe ihn in der Volksversammlung von meinem Arme verloren. Ich
glaube indessen sicher, dass er noch kommt.
    Problematische Naturen, sagte Franz, der, dem angeregten Gedanken
nachhängend, den letzten Teil des Gespräches überhört hatte; wissen Sie, Herr
Baron, dass ich diesen Goethe'schen Ausdruck schon in Verbindung mit Ihrem Namen
hörte und zwar aus dem Munde eines Mannes, der mit sehr teuer gewesen ist und
an dem auch Sie, so viel ich weiß, großen Anteil genommen haben? - Sie brauchen
nicht ungeduldig auf den Tisch zu trommeln, Bemperlein; ich weiß, dass Sie sich,
ganz gegen ihre sonstige fromme Denkungsart, in einen höchst unfrommen Hass gegen
Oswald Stein hineingeredet haben, und ich erwähne unseres gewesenen Freundes
hier auch nur, weil er mir, ebenso wie sein Lehrer Berger, immer als ein Typus
der problematischen Naturen erschienen ist.
    Da Franz von dem Verhältnis Oswald's zu Melitta auch nicht die mindeste
Ahnung hatte, so entging ihm natürlich die Röte, welche so plötzlich in den
Wangen der Dame aufflammte, dass sie sich, dieselbe zu verbergen, tief auf ihre
Arbeit beugte; und die Heftigkeit, mit welcher Bemperlein sagte: Ich dächte,
Franz, dieser Mensch wäre einer Erwähnung gar nicht mehr wert; reizte ihn nur
zum Widerspruch.
    Denken Sie das auch, Herr Baron? sagte er, sich zu Oldenburg wendend;
sollten Sie auch einen Menschen schonungslos verdammen, dessen größtes Unglück
es vielleicht ist, in dieser Zeit geboren zu sein?
    Nein, sagte Oldenburg ruhig und ernst; ich habe das alte Wort, dass wir nicht
richten sollen, um nicht selbst gerichtet zu werden, nicht vergessen. Ich habe
stets die herrlichen Gaben, mit welchen die Natur jenen Mann verschwenderisch
ausgestattet hat, aufrichtig bewundert, und es stets lebhaft bedauert, wie ich
es denn noch bis zu diesem Augenblick tue, dass ein so reicher Geist, wie ein
allzu üppig emporgeschossener Baum, nur taube Blüten tragen sollte, von denen
keine sich zur Frucht entwickelt.
    Während Oldenburg so sprach, hatten seine Augen fest auf Melitta geruht, die
jetzt ihr Antlitz wieder erhoben hatte und ihn ihrerseits so prüfend anblickte,
als wollte sie ihm bis auf den Grund der Seele schauen. Franz interessierte sich
für Oswald noch immer zu sehr, als dass ihn Oldenburg's Worte nicht innig hätten
erfreuen sollen. Er erwiderte deshalb in lebhaftem und herzlichem Ton:
    Ich war überzeugt, dass Sie so über Herrn Stein urteilen würden. Weiß ich
doch aus Stein's eigenem Munde manche Äußerungen von Ihnen, die mir bewiesen,
ein wie tiefes Verständnis Sie für seinen Seelenzustand hatten,
