
Treiben der letzten Tage in der großen Stadt fremd geblieben war, hätte für den
ersten Augenblick zweifeln können, ob dies eine politische Versammlung oder ein
Volksfest sei. Vielleicht war es Beides. Hatte man doch die Arbeit, die strenge
Zuchtmeisterin, um einen Nachmittag, vielleicht nur um eine Stunde betrogen;
erweckte doch schon der Umstand, dass man in Masse da war, dass kein Polizist so
leicht wagen würde, hineinzureden oder gar einzugreifen, ein Gefühl des
Übermutes und der Überkraft, eine nicht alltägliche, gehobenere, freudigere
Stimmung, zumal da der Frühlingshimmel so herrlich blauete, die schlanken,
blätterlosen Zweiglein und Aestlein der Baumwipfel des Parks sich so klar und
scharf von dem blauen Himmel abhoben, und die Abendsonne so warm und
hoffnungsreich herabschien auf die Tausende von Menschen, die unten auf dem
weiten Platze zwischen den Kaffeehäusern und dem Fluss auf der einen und dem
Parke auf der andern Seite durcheinanderwogten und drängten besonders nach der
hölzernen Tribüne am Rande des Parkes, die sonst für die Musici bestimmt war,
von der aber heute eine Musik gar eigener Art erschallte, eine Musik, dem Volke
so ganz ungewohnt, und vielleicht deshalb ihm kostbarer, als die herrlichsten
Walzer von Strauss und Lanner. Weiter zu nach den Kaffeehäusern aber, wo man die
Redner nicht mehr wohl verstehen konnte, ging es lustiger zu. Da konnten die
Kellner kaum so viel Gläser voll Bieres herbeischaffen, wie von den durstigen
Kehlen geleert wurden; da boten Semmel- und Wurstverkäufer ihre Ware an, da
quäkten die Cigarrenjungen mit den schrillen, unreifen Stimmen, da trieben
selbst Gaukler und Taschenspieler ihr lustiges Handwerk.
    Durch die wogende Menge schlenderten Oldenburg und Berger. Der Professor
ließ seine Augen unruhig über die Menge schweifen und teilte seinem Begleiter
die Bemerkungen, die er machte, mit leidenschaftlicher Energie mit, worauf dann
Jener lächelnd mit dem Kopfe nickte, oder ein kurzes Wort erwiderte.
    Aber glauben Sie denn, dass sich dies Volk jemals zu einer Revolution wird
aufrichten können? fragte Berger nach einer längeren Pause.
    Weshalb nicht?
    Sehen Sie diese stupiden Gesichter, hören Sie diese frivolen Scherze, mit
denen sie sich über den Ernst der Situation und zugleich über das dumpfe Gefühl
ihrer eigenen Nichtigkeit wegzuhelfen suchen; bemerken Sie dort, wie das Volk zu
derselben Stunde, wo zuerst von Freiheit und Recht öffentlich zu ihm gesprochen
wird, auch noch Zeit und Lust hat, an panem und circenses zu denken - und Sie
haben genug beisammen, um den letzten Funken der Hoffnung, dass diese Menschen je
für ihre Freiheit nicht bloß reden, sondern auch kämpfen werden, zu ersticken.
    Der alte Pessimismus, Berger! und das jetzt, wo nach so vielen dunklen
Leidensjahren die goldene Sonne endlich wieder scheint!
    Gerade dieses Sonnenstrahl ist
