 möchte, Du zeigtest Dich weniger bereit,
mir mein Kind und das Weib, das es geboren, wiederzugeben?
    Unmöglich, Adalbert!
    Und doch ist es so. Ich habe mir vorgenommen, stets gegen Dich so
rückhaltslos wahr zu sein, wie ich es gegen mich selbst bin, mich wenigstens zu
sein bemühe, und da kann ich Dir auch dies nicht verschweigen. Früher, als Du
mir unerreichbar fern schienst, wie die himmlischen Sterne, sehnte ich mich wohl
nach anderen warmen Menschenherzen, an ihnen zu erwarmen, an ihrem Schlage zu
fühlen, dass es um mich her nicht tot sei, wie in mir; oder ich stürzte mich in
tolle Excesse und halsbrechende Abenteuer, um doch wenigstens so zu irgend einem
Gefühl des Daseins zu kommen. Jetzt ist das mit einem Schlage anders geworden.
Seitdem mir der leiseste Hoffnungsschimmer, Du könntest doch noch dereinst mein
Weib werden, aufgegangen ist, steht die Welt in ewiger Jugendschöne wieder vor
mir da; aber nun möchte ich auch die Quelle, aus der ich mir diese Verjüngung
getrunken habe, von aller Beimischung rein und ungetrübt erhalten. Wie Du mir
Alles bist, so möchte ich, dass ich Dir Alles wäre; dass Du kein anderes Verlangen
hättest, als geliebt und immer mehr geliebt zu werden, wie ich kein anderes
Verlangen habe, als Dich zu lieben und immer mehr zu lieben. Was kümmert uns die
andere Welt? sie ist für mich versunken und vergessen!
    Melitta hatte gesenkten Hauptes diesen Sturm von Leidenschaft über sich
hinrauschen lassen. Als Oldenburg schwieg, griff sie nach dem Tagebuche, das
aufgeschlagen vor ihr auf dem Tische lag, wandte ein paar Blätter um und las:
    Der Mann strebt seiner Natur nach in's Allgemeine und Grenzenlose; bei der
Frau, wie sie denn überhaupt der Natur näher steht, ist der charakteristische
Zug aller Kreatur, die Eigenliebe, viel schärfer ausgeprägt. Der Mann
repräsentirt die Centrifugal-, die Frau die Centripetalkraft der moralischen
Welt. Ginge es bloß nach jenen, so würde die Welt bald ein einziges großes
Wolkenkukucksheim sein, ginge es nur nach diesen, so erhöben wir uns niemals
über die Spitzen der Halme, welche über dem Lerchennest in der Ackerfurche
nicken. Das Mittel, die beiden entgegengesetzten Pole zu binden, ist die Liebe.
In der Liebe zu einem reizenden Weibe lernt der Mann, dass er nicht bloß Bürger
im Reiche der Geister ist; in der Liebe zu einem edlen Manne lernt die Frau, dass
es noch höhere Interessen gibt, als die des häuslichen Heerdes. Sie müssen sich
also gegenseitig ergänzen; sie muss ihn daran erinnern, dass die Menschheit aus
Menschen besteht; er sie die großen Worte der Neuzeit: Freiheit, Brüderlichkeit,
an denen unsere
