 Bau, dass Du an dem Plan nicht verzweifeln darfst, auch wenn Du
ihn nicht ganz begreifen solltest. Dieses Menschengeschlecht, dessen Geschichte
vielleicht auf eben so viel Millionen Jahre berechnet ist, als wir jetzt davon
Jahrtausende kennen, ist ein so unergründlich wunderbares Phänomen der
schaffenden Kraft, dass Du in Deinem Leben, und wenn es noch so lange währte, nur
zu lernen und immer wieder zu lernen hast. Die Kunst, sagt Goethe, hat nie ein
einzelner Mensch besessen; aber, setze ich hinzu, die Philosophie eben so wenig.
    Von dieser Überzeugung ausgehend, fasste ich den Entschluss, in dem Leben
Sinn und Verstand finden zu wollen, und ich kann nicht anders sagen, als dass ich
meine Bemühungen von einigem Erfolg gekrönt gesehen habe. Schon auf der Schule
misstrauisch gegen die Resultate des rein speculativen Denkens, widmete ich mich
einer Wissenschaft, in welcher uns die psychischen Vorgänge gleichsam ad oculos
demonstrirt werden - der Medizin, zumal ihre praktische Ausübung noch den
Vorteil hat, uns in fortwährende, intimste Berührung mit den übrigen Menschen
zu bringen, von denen wir uns - sage man, was man will, von der Poesie der
Einsamkeit - stets nur zu unserm eigenen Nachteil entfernt halten. Wer die
Solidarität aller menschlichen Interessen - das oberste Prinzip aller
politischen und moralischen Weisheit - begriffen hat, weiß auch, dass seine
individuelle Existenz nur ein Tropfen in dem ungeheuren Strome ist und dass diese
Tropfen-Existenz weder das Recht noch die Möglichkeit der absoluten
Selbständigkeit hat. Wenn die Menschen wie reife Früchte vom Baume fielen,
möchte es schon eher gehen. So aber, wo wir von einer Mutter mit Schmerzen
geboren werden, um Jahre lang die hülflosesten aller Geschöpfe und der treuen
Pflege der Eltern ganz und gar überlassen zu sein, wo wir, wenn uns das
Schicksal hold ist, unter Brüdern und Schwestern aufwachsen, um alle Freuden des
Lebens mit ihnen nicht nur zu teilen, sondern erst von ihnen zu erhalten; wo
wir noch später jeden wahren Genuss, jedes Fest der Seele nur mit Anderen
genießen und feiern können - da dürfen wir uns denn auch nicht länger sträuben,
zu sein, was wir wirklich sind: Menschensöhne, Kinder dieser Erde, mit dem Recht
und der Pflicht, uns hier auf diesem unseren Erbe auszuleben nach allen Kräften,
mit den anderen Menschensöhnen, unseren Brüdern, die mit uns gleiche Rechte und
freilich auch gleiche Pflichten haben.
    Sehen Sie, Oswald, so wird die Welt ein Kosmos und wir hören auf, Atome zu
sein, die, wer weiß woher? und wohin? ohne ein vernünftiges Gesetz in dem
unendlichen Raum umherwirbeln. Der Fehler Ihres Lebens, in welchen Sie freilich
bei einer so wunderlich verlebten Jugend fast mit Notwendigkeit fallen mussten,
