 träumen, nicht mehr wachen
kannst.
 
                                Zweites Kapitel
Oswald war jetzt eine Woche auf Schloss Grenwitz, und die Woche war ihm vergangen
wie ein Tag. Es lag in seiner Natur, alles Neue mit Leidenschaft zu ergreifen,
selbst das Alltägliche, so lange es neu war, und hier hatte er Neues vollauf:
eine neue Situation, neue Umgebung, neue Menschen. Das Alles versetzte ihn, wie
es bei sanguinischen Temperamenten zu geschehen pflegt, auf eine Zeit lang in
die heiterste Stimmung, in welcher es ihm ein Leichtes war, Dinge und Menschen,
und Alles und Jedes, womit er in Berührung kam, selbst die Baronin mit ihren
strengen, kalten Zügen, selbst den schweigsamen Kutscher, gegen den er gleich am
ersten Abend einen Hass gefasst hatte, selbst den kriechenden, zutulichen
Bedienten mit seinem ewigen: Befehlen der Herr Doctor - ganz liebenswürdig, zum
mindesten interessant zu finden. Von dieser heiteren, versönlichen Stimmung
gaben auch die Briefe Zeugnis, die er um diese Zeit an seine Freunde schrieb: Da
wäre ich denn nun, heißt es in dem einen, auf dieser neuen Station meines
wunderlichen Lebens angelangt, und wahrlich, ich glaube es hier, bis Schwager
Kronos die Pferde gewechselt hat und wieder in sein ewiges Horn stößt, trotz
meiner so oft von Ihnen gescholtenen Ungeduld, wohl aushalten zu können. Ja,
wenn ich nicht fürchten müsste, durch voreiligen Enthusiasmus ihren Spott
herauszufordern, so hätte ich nicht übel Lust, dem guten Stern, der mich hierher
geführt, ein Danklied zu singen. Ich bin durchaus in der dazu nötigen Stimmung.
Ich habe in diesen Tagen schon so viel Wald-und Seeluft geatmet, dass mein
armes, vom Staube nichtsnutziger Folianten betäubtes Gehirn schier trunken ist.
Wahrlich, wenn die Menschen dieses paradiesischen Aufenthaltes nicht ganz
unwürdig sind, so öffnet sich mir für die nächsten Jahre eine schöne Zukunft.
    Verzeihen Sie mir, mein Freund, dass ich zu dem großen Schritte, der mich
hierher geführt, nicht Ihre specielle Erlaubnis eingeholt habe, wie Sie nach dem
blinden Gehorsam, mit dem ich Ihrer höheren Einsicht bis jetzt immer gefolgt
bin, wohl erwarten konnten. Ich war einmal entschlossen, ihn zu tun. Sie, das
wusste ich, würden mir Ihre Einwilligung versagen; so wollte ich denn Ihren
geharnischten Gründen ein eben so geharnischtes fait accompli entgegenstellen,
und Ihrem guten Rat das uralte Vorrecht, zu spät zu kommen, nicht rauben.
Überdies kam mir die Sache so plötzlich, und ich musste meinen Entschluss so
schnell fassen, dass ich eben nur Zeit hatte, Ihnen denselben mit wenigen Worten
anzukündigen; und endlich ist es auch der Professor Berger, der die ganze Schuld
trägt, wenn überhaupt von Schuld die Rede sein kann, und
