 Bruder wäre, und von dem mich jetzt eine unübersteigliche
Kluft trennt. Du weißt, von wem ich spreche. Ich will Dir nicht verschweigen,
dass ich in letzterer Zeit an diesem Mann ein Interesse genommen habe, das ich
nie für möglich gehalten hätte - ein Bekenntnis, welches Deinen Spott
herausfordern wird und das ich Dir dennoch, kraft der Heiligkeit unseres
Kovenant, schuldig bin. Vielleicht fühle ich mich nur deshalb zu ihm hingezogen,
weil er unglücklich ist. Er steht, wie Du, allein, ganz allein in der Welt;
seine Mutter hat er kaum gekannt, seinen Vater schon vor Jahren verloren, Brüder
und Schwestern nie gehabt. Er ist noch jung, aber reiche Herzen erleben viel in
kurzer Zeit und er muss viel erlebt und viel gelitten haben. Es liegt eine
Schwermut auf seiner hohen Stirn, in seinen tiefblauen großen Augen, die für
mich etwas unendlich Rührendes hat; manchmal zuckt es so schmerzlich um seinen
Mund, dass ich viel, sehr viel darum geben könnte, dürfte ich zu ihm treten und
sprechen: sage mir, was Dich quält; vielleicht kann ich Dir helfen, und vermag
ich auch das nicht, kann ich doch mit Dir fühlen. Wir Beide, teure Mary, sind
in der Überzeugung aufgewachsen, dass die unteren Stände mit dem Adel der Geburt
auch des Adels der Gesinnung entbehren, dass wir bei ihnen auf ein Verständnis
dessen, was uns hoch und teuer ist, in keinem Falle rechnen können. Ich
gestehe, dass ich seit meiner Ankunft in Grenwitz von diesem Vorurteil - denn so
muss ich es jetzt bezeichnen - in manchen Punkten zurückgekommen bin, dass ich
wenigstens jetzt eingesehen habe, wie sich zu der Regel doch auch Ausnahmen
finden. Stein ist eine solche Ausnahme. Ich habe noch kein Wort aus seinem Munde
gehört, das den Plebejer verraten hätte, dagegen viele, sehr viele, die mir aus
der Seele gesprochen waren, die ein lautes Echo in meinem Herzen fanden. Er
spricht mit einer Anmut, wie ich es noch von keinem Menschen gehört habe, mit
einer reichen Modulation der Stimme, die wie Musik in meinem Ohre klingt, so dass
ich oft noch stundenlang nachher versuche, die Art und Weise, den Tonfall, mit
dem er dieses oder jenes sprach, in meiner Erinnerung zurückzurufen. Es liegt
für mich ein unendlicher Zauber in einer schönen klangreichen Stimme; es ist mir
immer, als sprächen die Menschen mit dem Herzen; als könnte ich, oft schon nach
wenigen Worten, sagen: dies ist ein guter, dies ist kein guter Mensch. Und bei
Stein wenigstens trifft es zu. Ich habe schon manche Proben von seiner
Herzensgüte gesehen. So starb vor ein paar Tagen in unserem Dorfe eine alte
Frau
