 grelle Schrei der Möve oder das melancholische Pfeifen der kleinen
Strandläufer.
    Die Monotonie dieser Linien, dieser Farben, dieser Töne wäre für ein
glückliches, lebensfrohes Gemüt unerträglich gewesen, aber sie passte wunderbar
zu Oswald's Seelenzustand. Seine Schwermut harmonirte mit dieser tief-ernsten
Natur, die von Glück und Freude nichts zu wissen schien, desto mehr aber von dem
Jammer und der Qual des Lebens. Klang der grelle Schrei, das schrille Pfeifen
der Meeresvögel nicht wie Klaggesang? war es nicht, als ob das Meer in den
Wellen, die sich in monotonen Kadenzen unaufhörlich am Strande brachen, das
verworrene Rätsel der Existenz wie im halben Wahnsinn vor sich hinmurmelte? Und
sein eigenes Leben kam ihm so ziel- und zwecklos vor, wie dies sein Umherirren
zwischen den Uferklippen. Glich es nicht seinem Fußtritte auf dem harten Sande,
wo die nächste Welle schon die leichte Spur gänzlich verwischte? Warum geboren
werden, Anderen und sich selbst Schmerzen und Sorgen ohne Zahl bereiten, wenn
Alles doch zu nichts führt? wenn die Vergangenheit sich hinter uns auftürmt wie
das steile unersteigliche Ufer, die Zukunft uns angähnt, wie das öde wüste Meer,
und die Gegenwart ein schmaler Strand ist, den die unbarmherzig glühende Sonne
nur deshalb so grell zu erleuchten scheint, um ihn in seiner ganzen trostlos
dürftigen Nacktheit zu zeigen? Und wenn wirklich einmal das Glück uns zu lächeln
scheint, so scheint es eben nur; so ist es eben nur eine trügerische Spiegelung,
die eine schadenfrohe Fee aus dem unwohnlichen tückischen Meere aufsteigen lässt,
damit sie in dem Augenblicke versinkt, wo wir das palmengeschmückte,
palastumsäumte Ufer zu berühren glauben.
    Ein Dörfchen, dem sich Oswald mit raschen Schritten näherte, lag in dem
innersten Winkel einer tiefen, von mäßig hohen Uferfelsen umschlossenen Bucht,
wo das Wasser so still und glatt war wie in einem Gartenteich. Einige der Hütten
lagen hart am Strande, andere waren an den Ufern eines Baches, der sich an
dieser Stelle in's Meer ergoss, in der tiefen breiten Schlucht, die er sich
gewühlt hatte, erbaut. Vor den Türen waren kleine mit Muscheln eingefasste
Gärtchen; auf den mit weißem Sande ausgefüllten Gängen zwischen den Häusern
hingen Netze zum Trocknen an langen Stangen; ein paar rothaarige Buben waren
eifrigst mit Anteeren eines umgestülpten Bootes beschäftigt; vor einer der
größeren Hütten saßen ein paar Frauen, Netze flickend.
    Oswald näherte sich den Frauen, die, als sie seinen Schritt vernahmen,
neugierig von ihrer Arbeit aufsahen, und fragte sie begrüssend, ob es ihm
verstattet sei, sich hier etwas auszuruhen, und ob er einen Trunk Wasser und ein
Stück Brod haben könne?
    Stine, sagte die ältere von den drei Frauen, eine Matrone von stattlichem
Umfang und einem überaus
