, dass Judit nicht das enorme Vergnügen empfinde, welches sie selbst bei
jeder Art von geselliger Unterhaltung, und bei allem, was Tand und Flitter war,
mit vollen Zügen genoss. Judit war ernst und blieb ernst, im Salon ihrer Mutter,
im Theater, auf dem Ball; sogar bei der Toilette, wenn die reizendsten Kleider,
Blumen und Bänder ihr zur Auswahl vorlagen; sogar bei den Huldigungen, welche
die junge Männerwelt ihr darbrachte. Sie wusste, dass sie schön und dass ihr Vater
reich sei; sie wusste, dass man damit in der Gesellschaft herrscht; sie sah
durchaus nicht ein, weshalb sie sich geschmeichelt fühlen sollte, wenn andere
das anerkannten. Ihr mit äusserem Glück überschüttetes Dasein ermattete sie, ohne
zufrieden zu stellen. Aus dieser bleiernen Windstille konnte wohl ein Sturm der
Leidenschaft jäh auffahren und da, wo ein Charakter jeden inneren Halt entbehrt,
furchtbare Verwüstung anrichten. Judit hatte das erlebt an ihrer Schwester, die
in einem solchen Sturm zugrunde ging und mit zwanzig Jahren am gebrochenen
Herzen starb. Die Tiefe des Jammers und das Wie und Warum war ihr wohl nicht
klar; allein es genügte, um ihr einen Abscheu vor Verhältnissen beizubringen, in
denen so viel Verrat und Lüge zu Hause sein konnten. Judit hatte mit zärtlicher
Liebe an ihrer Schwester gehangen; deren Verlust erbitterte sie, wie der Tod
jeden erbittern muss, der glaubenslos an einem teuren Grabe steht. Kein Funke
eines religiösen Trostes leuchtete ihrem Herzen. Ihre Eltern gehörten dem
Rationalismus an, der sich im Judentum sowohl als im Christentum überall breit
macht, wo der Erdgeist im Menschen gepflegt und wo dessen Wirken und Walten als
die höchste Bestimmung des Menschen verherrlicht wird. Man ist reich, man ist
klug, man ist gebildet, man ist angesehen, man zählt in der Gesellschaft; das
alles hat man erlangt ohne Gott; höheres als das gibt es nicht: also weshalb
sich um Gott bekümmern? Ohnehin ist es so ziemlich erwiesen und abgemacht, dass
nicht bloß der alte, ausserweltliche, persönliche Gott längst von seinem Nimbus
entkleidet und von seinem Thron verschwunden ist, sondern auch, dass er aufgehört
hat, als Weltseele des Alls sein Dasein zu fristen, welches man ihm in dieser
Form eine Zeitlang gönnte, weil man durch sie leichten Kaufs zum Anteil am
göttlichen Sein gelangte, was für manche etwas Schmeichelhaftes hat. Aber auch
die Weltseele ist der Welt entschlüpft und nichts übrig geblieben, als die
Materie, seitdem die Erforschung der Natur, ihrer Kräfte und ihrer Gesetze eine
sehr bewunderte Schule bildet, die es sich zur Aufgabe macht, die Schöpfung von
der Offenbarung abzulösen, die Geschichte der Menschheit, welche deren
Zusammenhang beweist, beiseite legt, mit dem vereinsamten Ich an das Studium des
Universums
