 nicht im Stande sind, dessen Ideengang zu verfolgen? gewiss nicht!
Irgend einen schlagenden Ausdruck, irgend eine überraschende Wendung können Sie
ihm entnehmen und dieselben in Ihre Brieflein oder Ihre Albums versetzen, wie
exotische Blumen in ein Kartoffelfeld; aber Ihr Geist bleibt arm wie zuvor.
Farbenmischung, Gruppierung, korrekte Zeichnung - ja, das können Sie lernen,
wenn Sie Kunstwerke äußerlich, in ihrer Technik, studieren; doch Ihre Seele hat
nichts davon, und in der Seele werden die großen Kunstwerke, wie überhaupt alles
Große, geboren, denn alles Große und alles Schöne ist eine Revelation der ewigen
Schönheit, von der Gott eine Ahnung in die Menschenseele gesenkt hat. Weckt die
Schönheit eines Bildes, eines Gedichtes, eines Buches, einer Statue nicht
himmlische Gedanken im Menschen: so ist entweder der Mensch zu schwach, zu
ungebildet, zu verkommen und roh, oder die Schönheit ist eine falsche,
trügerische, die den Blendwerken der Sinnenwelt angehört. Die wahre Schönheit
soll auf uns wirken, wie der Sonnenstrahl auf die Regenwolke: sie soll auf
unsere trübe, graue, tränenvolle Seele ein Stück Regenbogen zaubern; Sie wissen
ja, Fräulein Judit, dass er ein Symbol des Friedens ist, den Gott nach der
schrecklichen Sündflut mit dem Menschen schloss. Ein Etwas von himmlischem
Frieden, von tief innerster Versöhnung mit Gott, wenigstens der Sehnsucht nach,
soll das Kunstwerk uns geben.«
    »Haben Sie auch eine tränenvolle Seele?« fragte Judit; »man sieht es Ihnen
nicht an, Herr Ernest! Ja, ich meine, der Regenbogen wäre sogar beständig in
Ihnen.«
    »Mensch - und tränenvolle Seele - das gehört zusammen, seitdem unsere
Stammeltern das Paradies verloren haben, Fräulein Judit. Die Schwere des
Staubes lastet auf ihr, die Dornen der Erde verwunden sie, die Ringel der
Schlange bedrohen sie; welche Last, welche Schmerzen, welche Ängste muss sie mit
sich herumschleppen. Siehe, da kommt einer und nimmt ihr all' den Ballast ab,
und heilt all' ihre Wunden, und stellt sich zwischen sie und die Schlange, und
tröstet sie unendlich liebevoll und zärtlich, und trocknet mit linder Hand all'
ihre Tränen ab, und verlässt sie nie und bleibt ihr treuer, ihr ewiger Freund.
Nun, Fräulein Judit, das begreifen Sie gewiss: habe ich jemand, der so große und
süße Dinge für mich tut und mit so unermüdlicher Zärtlichkeit mich liebt, so
frag ich nicht viel nach Tränen und Wunden. Vielmehr freue ich mich ihrer, weil
sie mir immer neue Liebesbeweise des geliebten Freundes bringen, und daraus mag
denn wohl so etwas wie ein Regenbogen in meiner Seele entstehen, zu der sie das
graue Gewölk, und der Freund den Sonnenstrahl der Liebe
