 jungfräuliche Mutter Gottes und den menschgewordenen Gott
prophezeiht haben. Diesen Zusammenhang hat die bildende Kunst in einer
weltberühmten Kirche Italiens, in Loretto, wundersam schön aufgefasst und
dargestellt. Der Kern dieser Kirche ist das Häuschen, in welchem die
allerseligste Jungfrau Maria zu Nazaret lebte und welches in einer Weise, die
nur Gott bekannt ist, auf die Höhe des Appenins versetzt wurde. Um dies
Heiligtum läuft eine Kolonnade von prächtigen Marmorsäulen und zwischen ihnen
stehen paarweise die Propheten und Sibyllen, welche die glor- und freudenreichen
Gnaden der Mutter Gottes vorhergesagt haben. Sie bilden gleichsam eine
Prozession durch die Jahrtausende bis zu der Stätte, wo das Wort Fleisch ward
und im feierlichen Reigen schließen sie sich huldigend dem Gruß des Engels an.
Der unsterbliche Meissel von Cioli, Lombardo, della Porta, Sansovino und von
anderen berühmten Bildhauern hat sie verherrlicht und sie sich selbst in ihnen.«
    »Ich möchte nach Loretto, um das zu sehen!« rief Judit.
    »Ich will Ihnen sagen, wie Sie sich dabei zu benehmen haben, Fräulein
Judit. Zuerst müssen Sie in eine prachtvolle Kapelle sich begeben, in deren
Mitte eine kolossale Schale von Bronze sich befindet, die mit Basreliefs aus der
Geschichte des Alten und Neuen Bundes verziert und von vier Engeln getragen ist.
Vier wunderbar schöne Statuetten, ebenfalls von Bronze, ruhen am Rande der
Schale und sind gleichsam ihrer Tiefe entstiegen. Es sind vier Tugenden und sie
heißen Glaube, Hoffnung, Liebe, Beharrlichkeit. Unter dem Glauben stehen die
Worte: Nescio falli; er wird nicht getäuscht. Unter der Hoffnung: Nescio flecti;
sie wird nicht erschüttert. Unter der Liebe: Nescio scindi; sie wird nicht
geteilt. Unter der Beharrlichkeit: Nescio frangi; sie wird nicht gebrochen. In
dieser Schale ist Wasser, das mystischer Weise dem Blute des Kreuzes beigemischt
ist und die Kraft des heiligen Geistes ruht darauf. Und ein paar Tropfen dieses
Wassers auf Ihrem Haupte bewirken, dass Ihre Seele fähig wird, jene Tugenden in
sich aufzunehmen. Und dann gehen Sie in die Kirche selbst und schließen Sie sich
den Sibyllen und Propheten an, und dann erst werden Sie verstehen, was Sie
sehen. Denn jene Schale ist das Taufbecken und jene Tugenden sind die, welche
aus der Taufgnade hervorgehen und im großen Umriss angeben, wie das Leben des im
Wasser und im Geist Wiedergeborenen sein soll. Gehen Sie aber nur als neugierige
Touristin nach Loretto, so ist es in der Tat ganz einerlei, ob Sie dort waren
oder nicht.«
    »Keineswegs, Herr Ernest! ich bilde meinen Kunstsinn aus.«
    »Ist nicht möglich, wenn der innere Sinn des Kunstwerkes selbst Ihnen nicht
aufgegangen ist! Können Sie Ihren Geist an einem großen Schriftsteller bilden,
wenn Sie
