 tun kann, ohne auf Spuren vom Göttlichen im Menschen nach der
Gnadenordnung zu stoßen, Spuren, die sich bald als Genie, bald als Seelenadel,
bald als Liebeskraft, bald als Geistesgrösse aussprechen: so findet man denn auch
eine zahllose Menge von Kirchen, welche fromme Andacht gebaut hat, und welche
daher, mögen sie groß oder klein sein, ihren Schmuck, ihren Reichtum, ihre
Kunstwerke, ja Meisterwerke haben. Ein solches ist in der Kirche Sta. Maria
della pace die Gruppe der vier Sibyllen von Rafael. Das sind Fresken, Fräulein
Judit! die müssen Sie sehen, um eine Idee zu bekommen, wie warm und lebendig
die Freskomalerei auf dem kalten Stein sich ausnehmen kann.«
    »Schade, dass ein solches Kunstwerk in einer Kirche versteckt ist,« bemerkte
Judit.
    »Nicht schade, mein Fräulein! Sehen Sie, die alten Ägypter, ein tiefsinniges
Volk, aber wandelnd in den Schatten der Unerlösung, höhlten die Felsen ihres
Landes zu Palästen aus, mit Hallen und Sälen, mit Treppen und Säulen; und alle
Wände dieser geheimnisvollen Behausung bemalten sie im buntesten Farbenglanz mit
tausend Göttergestalten, mit Kriegsszenen, mit Bildern aus dem Volks- und dem
häuslichen Leben; dann stellten sie in das allerinnerste und letzte Gemach einen
Sarkophag mit der Mumie eines Königs auf, und dann wälzten sie vor den Eingang
dieses Grottenpalastes gewaltige Felsblöcke, entzogen ihre Mühe, ihre Arbeit,
ihre Kunst jedem menschlichen Auge und fanden es höchst geziemend und gar nicht
schade, all' jene Herrlichkeit einer Königsmumie zu weihen. Wie könnten wir den
Schmuck unserer Kirchen beklagen, in denen Gott selbst geheimnisvollerweise
wohnt und weilt? Übrigens sehen in deutschen Landen nicht wenige Kirchen so aus,
als fände man für sie alles gut genug, was der Rumpelkammer angehört, und
Motten-, Mäuse- und Wurmfrass, den die Menschen nicht mehr haben mögen, ist
beinahe noch zu schön für das Haus und den Dienst des lieben Gottes.«
    »Ach, Herr Ernest,« sagte Judit ungeduldig, »Ihre Kirchen, mit oder ohne
Mäusefrass, interessieren mich gar nicht.«
    »Gut!« entgegnete er gleichmütig; »nun an die Staffelei!«
    »Nein, auch das nicht!« rief sie. »Erzählen Sie mir noch etwas von den
Sibyllen. Herr Ernest! ich höre gern von großen Frauen reden - und höre es nie!«
    »Die Sibyllen sind aber nur dadurch groß, dass sie auf unsere Kirchen und auf
den, der sie gestiftet hat, hinweisen, Fräulein Judit. Ihre Größe bestand eben
darin, dass sie die Wucht der Offenbarung durch die sündenkranke Welt zu tragen
vermochten, und sie waren begnadete Weiber, weil sie die Gebenedeite unter den
Weibern, die
