 Sprache, maß mit anderem
Maßstab, wandelte nach anderer Richtschnur; denn er folgte seinem Heilande nach
- und die Welt ihren Götzen. Wohl trat auch zu ihm der Versucher, wie zu jedem
Staubeskinde, und bot ihm die Genüsse und die Freuden der Erde um den Preis der
himmlischen Güter an; aber er betrachtete und wog sie im Lichte des Glaubens -
und da fand er sie so hässlich und so gering, dass er sie von Herzen verachtete.
Er war noch sehr jung, als jener Sturm über die Kirche hereinbrach, der
einerseits manches Vermorschte, Unhaltbare aus ihrem unverwüstlichen Bau
hinwegfegte und ihr ewiges Fundament von manchem Wust und Schutt säuberte, und
andererseits die Wogen der weltlichen Macht so hoch wider sie aufbäumte, dass sie
in der zweifachen Drangsal hätte untergehen müssen, wenn sie eine irdische
Anstalt wäre. Dem revolutionierenden, vom Glauben abgefallenen und daher aller
Sittlichkeit fremden Geiste des Jahrhunderts erlagen zuerst die geistlichen
Churfürsten, welche zum Teil selbst diesen Geist gepflegt und begünstigt hatten,
in ahnungsloser Kurzsichtigkeit über dessen Richtung sich täuschend. Als so die
ersten Fürsten des deutschen Reiches gefallen waren, hielten es die weltlichen
Herrscher für angemessen, den weltlichen Besitz aller Kirchenfürsten, der
Bischöfe, der Kapitel, der Stifte und Klöster einzuziehen und Staatsschatz und
Land durch das Kirchengut zu bereichern und zu vergrößern. Sie erfanden für
diesen kolossalen Raubzug ein eigenes Wort: die Säkularisation. Als das Werk
schauerlicher Ungerechtigkeit vollendet und der revolutionierende Geist in
seiner gemeinsten Richtung, durch Antastung fremden Eigentums, so unbefangen
an's Tageslicht getreten war, kam die Vergeltung über die weltlichen Fürsten:
das alte, ehrwürdige, römisch-deutsche Kaisertum ging unter nach tausendjährigem
Bestande und alle Throne krachten und wankten in ihren Fugen vor der
Gottesgeissel, welche der korsikanische Sprössling der Revolution über Europa
schwang, um den Fürsten und den Völkern zu zeigen, was das sei: Macht ohne
Gerechtigkeit.
    Nachdem die Dom- und Stiftsherren wie ausgediente Beamte gleichsam in
Ruhestand und auf Pensionen gesetzt worden waren, kam es vor, dass mancher sich
selbst säkularisierte, nämlich zum Weltgeist sich hielt und nicht bloß in,
sondern auch mit der Welt so gründlich sich einlebte, wie der niedere Sinn es
vielleicht schon längst begehrt hatte. Daraus entsprang mannigfach Ärgernis und
Betrübnis. Wenige mochten mit tieferer Trauer auf diese Missstände, auf diese
Verwüstung des Heiligtums und ihre Verwüster blicken, als Levin. Nach der
Auflösung seines Stiftes hatte er sich zu seiner Mutter begeben, die an
schweren, unheilbaren Leiden langsam dahinsiechte - auch sie eine Verwüsterin
des köstlichsten Heiligtums: ihrer eigenen Seele. Die vielen Verirrungen ihres
Lebens hatten sogar seinem frommen reinen Auge, das so gern mit liebender
Verehrung an ihr gehangen hätte, nicht verborgen bleiben können. Ein Alltagsherz
wäre dadurch erkältet
