; mit anderen Worten - ich stehle.«
    »Ich weiß wohl,« entgegnete Florentin, »dass die Menschheit der Gegenwart,
noch befangen in allen Vorurteilen, sich teilweise durchaus nicht zu jenem
Standpunkte erschwingen kann, den sie in der Zukunft einnehmen wird. Dazu muss
sie herangebildet werden; und zwar in der Weise, dass sie von der Wiege an eine
vernunftmässige Erziehung erhält, nämlich eine solche, aus welcher jede Spur des
Aberglaubens, den die Priesterherrschaft ihr seit achtzehn Jahrhunderten
einimpft, radikal verschwindet. Das wird nicht schwer sein, sobald man das Licht
der wahren Wissenschaft aufleuchten lässt. Sie gibt ein rationelles Wissen von
der Welt, das auf Erfahrung und auf Wahrnehmung durch die fünf Sinne begründet
ist. Das sind die fünf Tempeltore der ächten Weisheit, der Humanität. Kommt
diese durch die Erziehung im Menschen zur Herrschaft, so erkennt er seine
Bestimmung: die Förderung der allgemeinen Glückseligkeit - und sein Ziel: den
Genuss dieser Glückseligkeit; aber keineswegs in einem nebulosen Jenseits,
sondern auf dieser sichtbaren und einzig wirklichen Erdenwelt. Dann wird es sehr
leicht sein, die vorhin erwähnten neuen sozialen Institutionen einzuführen, die
mir jetzt freilich den Vorwurf zugezogen haben, dass ich im Rausch spräche. Die
vom Aberglauben erlöste Menschheit wird sie mit aller Macht herbei sehnen und
führen, weil sie die höchst unsittlichen Schranken heben, welche um die edelsten
Kräfte, um das Freiheitsbedürfnis in unserem Willen, in unserer Liebe, gezogen
sind; Schranken, welche das, was man jetzt Sünde nennt, zur Sünde stempeln,
folglich die Menschen geflissentlich zu Sündern machen, damit die Priester
absolvieren können. Fallen die Schranken, so gibt es keine Sünde mehr, denn es
kann dann nicht mehr gepredigt werden: rechts von der Schranke steht die Tugend
und links das Laster, und wenn dennoch so gepredigt würde, so lacht der wissende
Mensch über solche Torheit oder knirscht die Zähne über solche Heuchelei. Bevor
aber nicht die Erziehung der sämtlichen Jugend von der Geburt an, und die
Verwaltung des sämtlichen Privateigentums in den Händen des auf neuer sozialer
Basis ruhenden Staates ist, kann die Menschheit nicht in allen ihren Gliedern
aus einer elend gläubigen eine glückselig wissende werden. Die Reaktion
behauptet ihre Verschanzungen in der Familie und im Privatbesitz, in diesen
Bollwerken der alten Finsternis im Kampfe gegen das neue Licht. Daher zittert
der wissende Mensch jetzt vor Verlangen nach einer Revolution, die tabula rasa
mache mit dem Christentume, mit der falschen Religion des Kreuzes, damit
endlich, endlich! das Reich der Wahrheit und des ersehnten Glückes für alle auf
Erden anbreche.«
    Als Florentin endlich in diesem Erguss seiner Begeisterung eine Pause machte
und die ganze Gesellschaft vor Verwunderung über den neuen Propheten verstummte,
stand Regina auf, ging zum Flügel,
