 wie bekannt, im Namen des reinen Evangeliums bei
dem Abfall im sechszehnten Jahrhundert geplündert, zerstört und aufgehoben
wurden. Tintern-Abbei, Melrose-Abbei sind allbekannt durch englische
Stahlstiche, die freilich ihre romantische Schönheit durch einen gewissen
modischen Anstrich abschwächen. In der Umgegend von Edinburg befindet sich eine
Ruine, die an Grossartigkeit zwar jenen nachsteht, aber äußerst anmutig zwischen
grünbelaubten Hügeln liegt. Sie heißt Rosslyn Chapel. Ihre reiche Architektur
nimmt sich in der Zerfallenheit eigentümlich melancholisch aus und trägt so
recht das Gepräge eines verwüsteten Heiligtums. Auf einem Pfeiler dieser Kapelle
stehen in lateinischer Sprache die Worte eingegraben: Stark ist der Löwe;
stärker der König; noch stärker das Weib; am stärksten die Wahrheit. Sieh
Regina, welch' ein Trost für Dich: bist Du im Bunde mit der Wahrheit, so trägst
Du den Sieg davon.«
    »Ach, an meinen Siegen liegt mir nichts!« entgegnete sie gleichgültig.
Alles, was wie eine Huldigung klang, die ihr dargebracht wurde, verstand sie gar
nicht; davor trat sie zurück in die Region der Kindheit.
    »Das ist gewiss!« rief Florentin, »die Frauen haben bei der Lösung der
sozialen Fragen im Geist des Fortschrittes ein ungeheures Interesse, und deshalb
schließen sich auch die eminentesten unter ihnen, eine George Sand, eine
Christina Belgiojoso, eine Fanny Wright, derselben als ihre Apostel an und
verbreiten sie durch Schrift und Wort, durch Lehre und Leben. Unter welchem
dreifachen Druck, dreifach gelähmt im Geist, im Herzen, in ihrer Stellung zur
Welt, schmachten die Frauen, so lange die Religion der Vergangenheit, d.h. der
kirchliche Glaube, und die daraus entspringenden Institutionen der Ehe und des
Privateigentums, aufrecht gehalten werden.«
    »Florentin, ich glaube, Du bist berauscht!« rief der Graf verblüfft. »Wir
wollen es zu Deiner Entschuldigung annehmen.«
    »Ich spreche von Tatsachen,« entgegnete Florentin unverzagt, »indem ich
sage, was die ganze Welt weiß und die halbe bewundert: dass Frauen von
genialischem Kopf und großen Herzen das Banner des Fortschrittes nicht nur
frohlockend begrüßen, sondern in ihren schönen Händen weiter tragen. Ist das
nicht Glück und Ehre, Regina, die Fahne der Wahrheit im Kampf gegen die Lüge zu
schwingen?«
    »Ich habe nie etwas von diesen Frauen und ihrem Tun und Treiben gehört,
denke aber, dass jener Ausspruch des heiligen Augustinus auf sie anzuwenden sei:
sie lieben etwas ganz anderes als die Wahrheit und sind davon so eingenommen und
verblendet, dass sie behaupten, gerade das, was sie lieben, sei die Wahrheit,
denn« .... -
    »O Regina!« rief Orest und klatschte ganz entzückt in die Hände;
