 Freiheit,« sagte Florentin.
    »Wie konnte er das sein, wenn er von Gott nichts wissen wollte!« rief
Regina. »Christus hat gesagt: Die Wahrheit wird euch frei machen; und: Ich bin
die Wahrheit, der Weg und das Leben.«
    »Die Urwahrheit wird uns allerdings frei machen,« antwortete Florentin; »nur
nicht die geoffenbarte Wahrheit, wie man sie zu nennen pflegt; sondern die
Erkenntnis, dass die Freiheit das Erbgut jedes Menschen ist und in der Verwerfung
fremder, aufgedrungener Autorität besteht. Mit dieser Freiheit kommt jeder
Mensch auf die Welt, und sie wird ihm später geraubt, indem man ihm eine
verkehrte Erziehung gibt.«
    »Es ist ganz unnütz, dass Du mit Florentin streitest,« sagte Uriel zu Regina.
»Du gehst aus von der göttlichen Offenbarung, welche die Würde und das Glück des
Menschen in seine sittliche Freiheit, in seine freiwillige Anerkennung
göttlicher Autorität setzt; und Florentin geht aus von einem natürlichen Gesetz
in der ungezügelten Menschheit, welche ihren Launen, ihren Bedürfnissen, ihren
Leidenschaften und Ansichten nachlebt und gehorcht, und einen Zustand der
Barbarei, d.h. gänzlicher Ungebundenheit, zum Ideal menschlicher Würde und
menschlichen Glückes macht.«
    »Der langen Rede kurzer Sinn ist dieser,« rief Orest: »Regina spricht
mittelalterlichdeutsch und Florentin jungdeutsch; und dabei hat er den
ungeheueren Vorteil, dass man ihn viel besser versteht. Deshalb sind die
Sympatien der modernen Zeit für ihn.«
    »Denn man weiß sehr gut,« setzte Florentin hinzu, »dass ein Rückschritt in
Barbarei nicht von denen zu fürchten sei, welche den Fortschritt der Menschheit
im Auge haben und deshalb den hemmenden Wust vermorschter Autoritäten bei Seite
räumen.«
    »Aber mit Maß, Florentin, mit Vorsicht und Maß,« rief der Graf. »Von
vermorschten Autoritäten zu sprechen, beweist etwas zu wenig Um- und Rücksicht.
Wir sprachen von den Übergriffen der Kirche - und basta! sonst werden wir
demagogisch und räumen hinweg mit Dolch und Guillotine - was dann freilich etwas
barbarisch ist - wie auch Du finden wirst, hoffe ich.«
    »Sie sind allerdings höchst beklagenswerte Notwendigkeiten, welche der
Widerstand gegen Freiheit und Wahrheit aber selbst hervorgerufen hat. Man muss
hoffen, dass die nächste revolutionäre Bewegung in so begeistertem und
grossartigem Maßstab und so allgemein in ganz Europa stattfinden werde, dass
Niemand an Widerstand denkt,« sagte Florentin pathetisch.
    »Denn sonst müsste man leider! die Guillotine als Autorität einsetzen,« sagte
Uriel.
    »Lieber Schwager,« rief die Baronin Isabelle, »tun Sie doch diesen
greulichen Gesprächen Einhalt, von denen man ganz nervenschwach wird.«
    »Ei Tantchen,« sagte Orest, »man darf
