, den er in seiner Kindheit
eingesammelt habe, übergross sei.
    Uriel stimmte weder mit ihm noch mit Florentin zusammen und hielt den
Einfluss für schädlich, den Florentin auf Orest übte. Er war froh, dass ihre Wege
fortan sich trennten; Orest wollte die militärische Laufbahn beginnen und
Florentin seine medizinischen Studien fortsetzen, um dann praktischer Arzt zu
werden und - womöglich! als Privatdozent an einer Universität den akademischen
Lehrstuhl zu besteigen, um zur Bildung der Menschheit für den Sozialismus aufs
kräftigste zu wirken. Es waren die gährenden Zeiten des Jahres 1847, voll der
Schwüle, der Unruhe, der Beklommenheit in der geistigen Atmosphäre und der
fieberhaften Spannung und Aufregung in den Gemütern, welche dem herannahenden
moralischen Erdbeben vorangingen. Lehrstuhl und Journalismus beherrschten
despotisch die freiheitsdurstige Welt, jener den werdenden, dieser den fertigen
Staatsbürger, welche mit bewundernswerter Kindlichkeit und mit unverwüstlicher
Zuversicht an der Unfehlbarkeit ihrer Stimmführer hingen, blind dem Anstoß
folgend und die Richtung einschlagend, welche diese angaben. Es ging der großen
Menge genau so, wie dem guten Orest: es war ihr gar nicht unlieb, etwas
Revolution zu machen gegen Kirche und Könige, gegen Religion und Gesetze; in dem
allen war ja so viel Missbrauch, Verkehrtheit, Einseitigkeit, Tyrannei, dass das
Kind in der Wiege es einsehen musste, und dass nur der ein Ehrenmann sein konnte,
der zur Opposition gehörte. Ein wenig antichristlich ging es wohl dabei zu. Das
hatte aber gar nichts zu sagen. Die großen edlen Männer der Opposition
beabsichtigten ja nur den Fortschritt, keineswegs einen radikalen Umsturz, und
zum Fortschritt gehörte das positive Christentum durchaus nicht, sondern statt
dessen eine größere Dosis Aufklärung, die dann den Menschen ganz von selbst
äußerst vortrefflich und glücklich machen würde. Wenn man gut wüsste, würde man
gut sein: zu dem Punkte der Bildung hatte sich die Menschheit erhoben; das
durfte niemand bezweifeln; das wäre ein Majestätsverbrechen an der Menschheit
gewesen und vor einem solchen schauderte man. War es aber gegen einen Fürsten
gerichtet, so blieb man gelassen. Dass aber hinter den großen, edlen Männern der
Opposition andere standen, die noch größer und edler waren, weil sie eine noch
umfassendere Opposition machten und ein noch erhabeneres Ziel erstrebten,
nämlich radikalen Umsturz und darauf radikalen Neubau der menschlichen
Vergesellschaftung: das wurde die große Menge nicht gewahr. Kamen ihr Schriften
in diesem Sinne vor Augen, so belächelte sie die vereinzelte Übertreibung oder
beklagte die vereinzelte Begriffsverwirrung eines Fanatikers des Fortschrittes,
gerade so, wie Orest bei der letzten Konsequenz von Florentins Theorie
behauptete: diese und nur diese habe den gesunden Menschenverstand wider sich,
weil ja doch unmöglich Revolution gegen den Fideikommisbesitzer von Stamberg gut
zu heißen sei. Auf dieser Höhe stand die große Menge, dass jeder Einzelne dachte
