 auf seinem
Throne, der Prediger auf seiner Kanzel, der Magister auf seinem Katheder, der
Familienvater hinter seinem Ofen, der Besitzer mit seinem Geldsack übten vor wie
nach ihre alte Autorität. Kindischer Wahn! Der Individualismus habe sich nicht
von seiner andertalbtausendjährigen Knechtschaft erhoben, um nur auf religiösem
Gebiet eine heilsame Revolution zu machen und dann wieder schlafen zu gehen. O
mit nichten! er pflanze das revolutionäre Banner mit demselben Recht auf dem
politischen und sozialen Boden auf und werde auch dort unfehlbar denselben
siegreichen Erfolg haben, denn der Individualismus sei die echte Religion jedes
Menschen, das Grundgesetz seiner Natur, das Ziel seiner Entwicklung, die
Richtschnur seines Willens. Durch ihn gelange die Menschheit zu ihrer
eigentlichen Bestimmung: zu einer erhabenen Freiheit, die keine äußerlich
gegebene, sondern nur eine selbstgewählte Schranke anerkenne. So lange noch von
außen aufgezwungene Schranken des alten Herkommens, der alten Gesetze, der alten
Familien- und bürgerlichen Einrichtungen existierten, sei die Menschheit
verkümmert in ihrem Recht und in ihrer Größe, denn innerhalb derselben reibe
sich das Individuum wie ein Sklave an seiner Kette wund und werde verhindert,
die selbsteigen gewählte Schranke sich zu setzen. Wer nur einen Funken von Liebe
zur Menschheit habe, müsse den Sturz der alten Knechtschaft in den bestehenden
Verhältnissen fördern helfen und an der Zertrümmerung der Traditionen von
Religion, von historischem Recht, von Familie, von Eigentum aus allen Kräften
arbeiten.
    Zu dieser Höhe nun, die für Florentins Denkweise ganz folgerichtig ist,
vermochte Orest nicht sich zu erschwingen. Er blieb unerschütterlich bei seiner
Behauptung: der Sozialismus streite wider den gesunden Menschenverstand; wogegen
denn Florentin behauptete, der Menschenverstand von heutzutage sei so krankhaft
borniert durch Vorurteile, dass er nicht wagen dürfe, sich Gesundheit zu
vindizieren. »Findest Du aber in der Tat, dass der Sozialismus gegen den gesunden
Menschenverstand streitet,« setzte Florentin hinzu, »so musst Du auch dasselbe
vom Protestantismus behaupten, denn, wie der Stamm, so der Ast. Dann verfällst
Du der römischen Finsternis, aber Du bist doch wenigstens konsequent.« Orest
hätte allerdings antworten können, dass der Protestantismus den gesunden
Menschenverstand wider sich habe, sobald es sich darum handle, eine allgemeine
Kirche zu stiften; denn der gesunde Menschenverstand ist positiv, verlangt
Positives und lässt sich nicht abspeisen mit der Verneinung. Bevor er sich dazu
versteht, muss er kränkeln durch Einfluss der Leidenschaften, die ihn blenden und
verwirren, und durch Unwissenheit, die ihn angemessener Nahrung beraubt. Aber
Orest wollte durchaus nicht mit Florentin disputieren, dessen Ansichten ihm
soweit zusagten, als sie für seine persönliche Theorie des Individualismus
passten; die genügte ihm. Um Religionslehren kümmerte er sich nicht. Er legte sie
so ziemlich bei Seite, indem er fand, dass der Vorrat
