 Taïs.
 
                              Der letzte Windecker
Im Koliseum am Fuß des Kreuzes saß Uriel. Der glühende Sonnenuntergang tauchte
den rötlichen Travertinstein der Riesenruine in flammendes Rot. Sie sah aus wie
in Blut gebadet. Die stillen, dunkeln, unbeweglichen Cypressen - diese Bäume der
Trauer und der Gräber - schauten von Monte Kölio, durch die gebrochenen Arcaden
des Koliseums melancholisch in die Arena hinein und auf den stillen Kämpfer, der
dort in den Tiefen seines Herzens eine Geisterschlacht bestand. Auf dieser
Stätte verhauchte der heil. Ignatius Bischof von Antiochien, unter den Zähnen
der Löwen seine Seele; der heilige Greis, der diejenigen, die ihn retten
wollten, anflehte: »Lasst mich ein Nachfolger der Leiden meines Gottes sein!« Zu
dieser Stätte und mit diesen Worten hatte Levin Uriel gesendet, und Uriel
betrachtete sie als ein Vermächtnis des seligen Greises, der ihn so sehr geliebt
und so gut gekannt hatte. Sollte er es nun im vollen Umfang annehmen? das war
sein Kampf. Der Zug der Seele, die innere Stimme, das Verlangen des Geistes
trieben ihn dazu an; aber die Natur wehrte sich. Der himmlische Mensch sehnte
sich nach der unbegrenzten Hingebung an das vollkommenste Opferleben unter den
evangelischen Räten; der irdische Mensch entsetzte sich vor einem solchen Opfer.
Die furchtbaren Erschütterungen der letzten Zeit, verbunden mit diesem inneren
Kampf, prägten sich durch den Ausdruck tiefen Leidens in seinen Zügen aus. Mit
geschlossenen Augen, die bleiche Stirn in die Hand gestützt, saß er am Fuß des
Kreuzes - dieses wunderbaren, armseligen, hölzernen Kreuzes, welches als eine
Reliquie von Golgata, in seiner Unscheinbarkeit das ganze Koliseum überragt.
Wie in inneren Gesichten zogen Bilder auf Bilder durch Uriels Seele. Er sah die
geheimnisvollen Gnadenströme, welche vom Kreuz ausgehen; er sah die Gottestaten,
welche in den Menschenschicksalen still sich erfüllen; er sah aber auch den
Widerstand des Menschen gegen Gnade und Heil und wie gerade in seiner Familie
die Gegensätze so schroff auseinander gingen. Über ein halbes Jahrhundert war
der gottselige Priester, Onkel Levin, der geistige Mittelpunkt der Familie, der
Ruhepfeiler des Hauses gewesen, aus dessen Fülle sie alle schöpfen, von dessen
Reichtum sie alle zehren, an dessen Kraft sie alle sich lehnen konnten. Er war
so recht der Priester, den Gott der Welt gibt als seinen »Helfer und
Mitarbeiter«, wie der Apostel Paulus sagt, und der kein anderes Streben kennt,
als die Welt geheiligt an Gott zurückzugeben. Die einen entsprachen seinem
Streben; die andern nicht. Zu glänzender Blüte entfaltet sich in Regina Gnade
und geheiligter Wille, Gottestat und eigene Mitwirkung. Ihr Einfluss zog die
ganze Familie, jeden in seiner Art, zum Gnadenleben, zur Liebe der himmlischen
Dinge hin: sie brachte Hyazinth zum Entschluss
