 rief Gaetano herbei, der sich als eine Art von allgemeinem Diener
aller Bewohner des Palastes in irgend einer Bodenkammer angesiedelt hatte, mit
Florentin aber schon seit den Revolutionsjahren her bekannt war. Florentin legte
ein Goldstück auf den Tisch und sagte:
    »Gaetano! zu welcher Stunde es auch sei, dass die Sigonra den Palast
verlassen sollte, Du gehst ihr nach und bringst mir dann schleunigst Nachricht.
Benimmst Du Dich klug, so erhältst Du dieses Goldstück.« Gaetano antwortete nur
mit einem verschlagenen Blick und ging auf seinen Posten. -
    Judit sagte zu ihrer Kammerfrau, als sie dieselbe entließ:
    »Ich muss in aller Frühe ausgehen, Fanny! Holen Sie mir den Schlüssel zur
kleinen Pforte vom Portier und sagen Sie ihm zur Beruhigung, ich würde den
Schlüssel nicht aus meinen Händen geben. Ich werde Sie nicht wecken, sondern
mich allein ankleiden.«
    Fanny erfüllte ihren Auftrag, zog sich zurück und Judit war allein. Obzwar
sie auch die vorige Nacht durchwacht hatte, so war sie in einer viel zu
lebhaften geistigen Spannung, um körperliche Ermüdung zu empfinden. Auf der
Schwelle der Wiedergeburt ihrer Seele trat sie so nahe an das übernatürliche
Leben heran, dass dessen Kräfte ihr leibliches Leben überwogen. Wie eine Selige
fühlt sie nicht dessen Druck. Sie versank in eine unaussprechliche Dankesfülle
für die wunderbare Gnade, welche sie, die Jüdin, die Teatersängerin, das
Weltkind, den zweifelnden Geist - ergriffen, und über eine Welt von Hemmnissen
hinweg, gleichsam auf einen anderen Stern versetzt habe, auf welchem die Gesetze
der heiligen Liebe herrschten. Sie ruhte so innig in der Gnade, dass sie auf
Orest's Bekehrung und ein still glückliches Familienleben für diese holde Korona
hoffte. Als die Stunde näher kam, kleidete sie sich bräutlich und festlich in
weiße Seide, und einen Schleier von schwarzen Spitzen warf sie verhüllend um
Haar und Schultern. Regina's Rosenkranz schlang sie als Armband um und küsste
zärtlich das kleine Kruzifix, dies Zeichen der Gnade, des Heiles, der
Versöhnung, unter das sie sich flüchtete, um es dann in ihr Herz aufzunehmen.
Was Hyazinth von den ersten Christen gesagt hatte: »Begraben mit Christus!« das
klang durch ihre Seele. Es kann nicht anders sein, sprach sie zu sich selbst;
wer das Geheimnis der Erlösung erfasst hat - nicht in seiner Tiefe und Größe,
denn das vermag kein geschaffener Geist! aber nach dem Maß seiner Erkenntnis;
für den muss es heißen: Liebe um Liebe, Opfer um Opfer, Kreuz um Kreuz. Gegenüber
einer Gottesliebe! die der menschlichen Natur eine himmlische Würde und
Bestimmung gibt, um durch solche Gaben ihr Herz in den Himmel zu ziehen: da kann
der Mensch, dem das Licht des Glaubens
