; »durch das Auge der
Welt erkennen Sie die göttliche Wahrheit.«
    »Ja,« sagte Judit mit einem Anflug von Traurigkeit, der noch der gefallenen
Natur angehörte; »ja, die Erkenntnis des Göttlichen erheischt Bekenntnis. Kein
edles Herz verleugnet seine heiligsten Überzeugungen ... denn kein edles Herz
lügt. Aber Lelio, es kostet mich mein Erdenglück. Ich spreche das nicht gegen
Graf Orestes aus, denn er würde darauf fussen, um mich zu bestürmen - und das ist
vergeblich, also vermeid' ich es. Aber ich gestehe es, ich hab' mich so daran
gewöhnt, in ihm ein treues, zärtliches Herz zu besitzen und in der Verbindung
mit ihm die Befriedigung meiner Ansprüche an das Leben zu erhoffen, dass mir vor
dem Schuttaufen graut, in den die Erkenntnis der göttlichen Offenbarung mein
Schicksal verwandelt. Mir ist zu Sinn, als habe ein Wetterstrahl einen hohen
festen Turm zu Boden geschmettert.«
    »Den stolzen Turm irdisch-selbstischen Glückes; ja, Signora, das ist ganz
richtig und das zeigt uns an, dass wir ein anderes Glücksgebäude aufführen
sollen, als ein solches, welches zusammenbricht, wenn die Wahrheit in unseren
schwülen Horizont hinein wetterleuchtet. Den irdischen Schmerz werden Sie mit
Ihrem kräftigen, unter dem Kreuz sich heiligenden Herzen tapfer durchkämpfen und
in diesem Kampf zu der beseligenden Gewissheit gelangen, dass Befriedigung des
Herzens ohne Sünde, und Befriedigung der Vernunft ohne Irrtum hienieden nirgends
als in der christlichen Kirche gefunden werden kann. In dem Kampf stehen Sie
nicht allein! er ist keine Ausnahme; er ist allgemein gültiges Gesetz. Millionen
vor Ihnen, neben Ihnen, nach Ihnen bestehen ihn. Darum heißt die Kirche auf
Erden: die streitende. Sie streitet nicht bloß im allgemeinen gegen den Geist
des Irrtums, der Sünde und Verkehrtheit auf jedem Gebiet der menschlichen
Vergesellschaftung, sondern jedes ihrer Kinder hat diesen Streit für seine
Person, oft bis aufs Blut, immer bis aufs Mark, fortzusetzen .... sobald es
nicht dem Siegespreis entsagt. Dieser Streit entwickelt heroische Tugenden,
bildet heroische Seelen, christliche Seelen, die mit Christus die Welt
überwinden, weil Christus in ihnen lebt, mit seinem Fleisch, mit seinem Blut,
und ihnen seine göttliche Natur mitgeteilt hat, indem er die menschliche Natur
annahm. Teure Judit, es ist nicht der Mühe wert, das Leben zu durchkämpfen,
wenn es auch nur wäre, um die Wonne zu kennen, dass wir uns nicht auf uns selbst,
sondern auf unseren göttlichen Kampfgenossen zu verlassen haben? O Judit! die
Menschen wollen immer so hoch hinaus und wollen immer die ganze Welt zu ihren
Füßen sehen; und auch Sie wollten es. O, wenn doch die Menschen die wahre
Erkenntnis ihrer Hoheit
