 tun. Widersprechen sie seiner Lehre, so
sind sie im Irrtum: das ist sonnenklar.«
    »Sonnenklar ist es,« rief Orest mit verzweiflungsvoller Gebärde, »dass der
finstere Geist des Priestertums sich mit satanischer Schlauheit Ihrer
bemächtigt, Ihren Verstand umwölkt, Ihr Urteil umnebelt hat. Dem lichten Geist
der letzten Jahrhunderte, mit seiner Bildung, seiner Wissenschaft, war es
unmöglich, mit einer Lehre sich zu befremden, die in den dumpfen Hörsälen des
Mittelalters von der scholastischen Theologie ausgebrütet ist.«
    »Teurer Orest,« unterbrach Judit ihn lächelnd, »verlieren Sie sich nicht in
Florentins Phrasen und Floskeln. Sein Ingrimm gegen die katholische Kirche hat
nicht wenig dazu beigetragen, mich auf ihre Vortrefflichkeit aufmerksam zu
machen; denn das können Sie mir glauben: nicht um seiner - sondern um ihrer
Tugend willen hasst er die Kirche.«
    »Das weiß ich!« rief Orest.
    »Und doch leben Sie auf vertrautem Fuß mit ihm, gönnen ihm Einfluss!« sagte
Judit warnend.
    »Er ist ja auch Ihr Hausgenosse!«
    »Mein Gott!« erwiderte sie schmerzlich, »die jüdische Sängerin muss vorlieb
nehmen! Als Lelio sich bekehrte, verließ er mich; Leute von Florentins Schlag
aber drängen sich an mich! Übrigens habe ich nie dem armen Florentin - und zwar
zu seinem größten Verdruss - auch nur den geringsten Einfluss zugestanden und
deshalb staune ich, dass Sie mit seinen hohlen Worten reden mögen. So unbewandert
in der Kulturgeschichte soll niemand sein, der auf Bildung Anspruch macht, um
nicht zu wissen, dass an der Lehre der katholischen Kirche Geister sich
entwickelt haben, die wie Titanen die Pygmäen der neueren Zeit überragen. Teurer
Orest! die Lehre, welche dem Genie eines Dante Grundlage und Nahrung gab -
welche seiner Wissenschaft von menschlichen und göttlichen Dingen nicht als
Beschränkung erschien: die Lehre wird der Entwickelung unserer geistigen
Fähigkeiten auch keinen Schaden tun. Ich bin weder betört, noch umgarnt. Ich
habe nur Das getan, was viele, viele Millionen vor mir getan haben: ich habe die
frohe Botschaft des Evangeliums angenommen. Diese Botschaft auszubreiten, ist
die heilige Sache des Lehramtes in der Kirche, das Christus gestiftet und ihm
die Verheißung gegeben hat, bei ihm zu sein alle Tage bis an's Ende der Welt -
und das jener Erzbekehrte meines Volkes, der Apostel Paulus: die Säule und
Grundfeste der Wahrheit nennt. Der Priester ist der gottgesandte Verkündiger des
Evangeliums.«
    »Also ein höheres Wesen, dem man blind zu vertrauen hat, nicht wahr?« fragte
Orest zitternd vor Zorn.
    »In Sachen des Glaubens hat man ihm zu vertrauen - ja,« entgegnete sie
ruhig.
    »Ist er jung oder alt ....
