 vollen übernatürlichen Wahrheit, die
ihn, wenn er sie praktisch ersasst und übt - zum höchsten Ziel, zur Seligkeit
durch Heiligkeit führt: und das erstreben die Menschen, von denen ich sprach.
Der Katholik, der die Offenbarung der übernatürlichen Wahrheit, und folglich
auch das Ziel, wohin sie führt, verwirft - hält sich zu ihrem Gegensatz und
langt bei deren Ziel an: Unseligkeit! Also: der eine zum Himmel und zur Hölle
der andere.«
    »Und so wäre ich richtig zur Hölle verdammt!« rief Florentin höhnisch
lachend.
    »O mit nichten!« entgegnete verbindlich der Marquis; »diese Vermessenheit
hat keiner von uns. Sie haben sie freiwillig gewählt, Signor. Der Weg des
Abfalles und der Weg der Unterwerfung - die Hingebung an den Geist Gottes wie an
den eigenen Geist - die Liebe zu übersinnlichen Dingen wie die Versenkung in
Materialismus sind in unsere Hand gelegt. Wir wählen frei. Das ist ja eben die
Selbstbestimmung, auf die Sie so stolz sind.« - -
    Judit brach auf. Ihr waren Herz und Kopf voll und übervoll von allem, was
sie im Laufe des Tages gehört - und innerlich gelebt hatte. In ihrem einsamen
Zimmer sank sie auf die Kauseuse am Kamin und seufzte erschöpft: Bin ich endlich
erlöst von meiner Menschenmenagerie! Aber nach einer Pause setzte sie hinzu: ich
muss mir diese Verachtung der Menschen abgewöhnen! sie haben ja Seelen, für
welche das Blut Jesu vergossen ist! - -
    Florentin nahm Orest unter den Arm, begleitete ihn zum Hotel Meloni und
sagte:
    »Orest, nimm Dich in acht vor den Dunkelmännern. Judit läuft Gefahr, in
ihre Schlingen zu fallen. Wer hätte je so etwas gedacht! Stupide, unbedeutende
Gänschen, denen man einredet, sie würden Heilige werden, Wunder tun und
prophezeien und dadurch zu Ansehen und Geltung kommen - ja, dass die sich von den
Pfaffen fangen lassen, ist begreiflich. Aber Judit, die übergenug an
Berühmteit - und außerdem Urteil und Besonnenheit trotz ihres Genies und einen
energischen Charakter hat - es ist unbegreiflich! unbegreiflich! unbegreiflich!«
    »Was ist unbegreiflich!« fuhr Orest auf; »dass sie an Deinen Predigten über
die freie Selbstbestimmung keinen Geschmack findet; nicht wahr? Nein, Freund!
diesem Idol können nur ganz verkommene Weiber huldigen - oder solche, die auf
gutem Wege dazu sind. Mit dieser Sorte hat Judit nichts gemein, und ich freue
mich darüber. Gibt es eine Horreur unter der Sonne, so ist es ein brutales Weib;
und brutal ist jede, die Deinen Theorien huldigt.«
    Florentin zündete höchst gelassen seine Zigarre an und sagte: »Warte nur!
wird Judit eben so fromm wie Korona, so langweilt sie Dich
