 »Ja, man kennt
überhaupt nicht den Grund dieses wunderbaren Phänomens der Ebbe und Flut, das
man am Ozean täglich vor Augen hat. Ihre Physik kann es nicht erklären, obgleich
es durchaus dem Bereich der sinnlichen Wahrnehmungen angehört; sie weiß nicht,
welche Kräfte und Einflüsse dabei tätig sind. Und nach einem solchen Fiasco
sollte man ihr vertrauen, wenn sie übersinnliche Fragen lösen und etwa beweisen
wollte, es gebe keine unsterbliche Seele, denn sie entdecke weder mit dem
Seziermesser im menschlichen Organismus, noch mit dem Teleskop im Universum den
Platz und den Himmel, wo diese Seelen leben könnten! Nein, guter Fiorino, Ihre
Lieblings- und Fachwissenschaft kann zwar Salze, Säuren und Gase zersetzen und
kombinieren, aber nicht einmal den Urgrund dieser Stoffe erklären. Wollte die
Vernunft von ihr die Lösung gewisser Fragen begehren, welche sich auf
übersinnliche Erscheinungen beziehen: so würde sie aufhören - Vernunft zu sein.
Wähnen Sie aber nicht, Herr Marquis,« fuhr Judit zu diesem gewendet fort, »dass
Signor Fiorino allein über mein Warum? Fiasko gemacht hat! O nein! ich war
einmal mit einer großen naturforschenden Celebrität bei einem Diner; wo? das
sag' ich nicht! Dieser Herr geberdete sich in seinen Reden nicht anders, als
habe der Schöpfer ihn bei der Erschaffung der Welt zu Rate gezogen. Da rief ich
ihm über den Tisch die Frage zu: Warum hat das adriatische Meer Ebbe und Flut
etc.? Alles verstummte und sah erwartungsvoll das Orakel an. Aber siehe da! auch
das Orakel verstummte.«
    »Entsetzliches Schicksal für eine Celebrität!« rief Marquis d'Avallon
munter. »Judit fragt - die Menge harrt - und sie verstummt.«
    »Signora waren aber auch sehr boshaft, sich gerade diese Frage auszudenken,«
sagte ein guter, stiller, deutscher Baron, der selbst nicht recht wusste, wie er
in diese Gesellschaft geraten war.
    »Das geb' ich zu,« erwiderte Judit. »Ich erzählte es aber, um Fiorino zu
trösten.«
    »Und zwar durch eine zweite Bosheit,« ergänzte der Marquis.
    »Kommt es häufig in der Welt vor,« fragte Madame Miranes den Marquis, dass
man die mosaische Religion aufgibt, um die christliche anzunehmen?«
    »Es geht mir wie jener Celebrität,« erwiderte er; »ich kann diese Frage
nicht beantworten. Das Grossartige ist ja immer selten; also steht auch die
Bekehrung des Pater Augustin ziemlich vereinzelt da. Doch hat sich gerade hier
in Rom vor etwa zehn, zwölf Jahren eine andere zugetragen, von der man auch sehr
viel gesprochen hat, weil sie so plötzlich und doch so gründlich war; nämlich
die des Herrn Alphons Ratisbonne aus Strassburg. Er
