 Schmerz flieht nicht von selbst vor ihm; er will
bezwungen sein. Und nicht mit einem Kampf ist die Ruhe auf immer hergestellt und
nicht mit einem Willensakt der Schmerz besiegt! Das dauert fort - durchs Leben.
Aber wir sind freilich wie tüchtige Soldaten darauf eingeübt, uns nicht den
Feind über den Kopf wachsen zu lassen, sondern uns bei Zeiten durchzuschlagen.«
    »Was kann der Priester für Schmerzen haben?« fragte der Graf unbefangen. »Er
hat nicht Weib noch Kind; er verliert sie nicht; er kennt keine Sorge um sie.
Gegen irdische Leidenschaften - denn es versteht sich, dass ich von einem frommen
Priester rede - schützen ihn Stand, Beruf und Gnade; woher soll also für ihn der
Schmerz kommen?«
    »Aus der Sünde, der eigenen und der fremden,« entgegnete Levin und heftete
sein seelenvolles Auge auf Damian. »Aus der Sünde, die den Gekreuzigten, welcher
aus einem Wunder der Liebe für uns stirbt und aus einem anderen Wunder der Liebe
für uns lebt, wieder und immer wieder kreuzigt und die Seelen, die er retten
will, ihm entreisst und in den ewigen Tod stürzt. Der Schmerz um die verschmähte
Liebe Gottes, um das Elend des Sünders, um die Leiden der Kirche, um den Abfall
vom Glauben, um die Anfeindung der Religion bewegt sich in einer anderen Sphäre,
als die der irdischen Verhältnisse, aber er hat auch seinen Stachel, auch seine
Bitterkeit, mein lieber Damian, und wenn wir ihn nicht hinnehmen würden, als
einen Dorn aus der Krone, die Christus trägt, und als einen Anteil an dem Kelch,
den Christus trinkt: so würde kein Menschenherz stark genug sein, um ihn zu
ertragen.«
    »Das ist es ja eben, lieber Onkel: Sie haben immer das Kreuz bei der Hand,
an das Sie sich lehnen.«
    »Ergreife das Kreuz, dann hast Du es auch. Das Kreuz ist ein Gemeingut der
Menschheit und hat für uns alle dieselbe Kraft. Es tut uns weh und heilt all'
unser Weh.«
    Aber das wollte der Graf nicht verstehen! - Um sich zu zerstreuen, reiste er
viel, ging in die Bäder, machte bald in Wien, bald in Paris einen
Winteraufentalt und besuchte alle Jahre einmal seine Töchter, während seine
Söhne - wie er sie nannte - in den Ferien nach Windeck kamen und munteres Leben
mit sich brachten. Durch die oberflächliche und erkältende Berührung mit der
Welt ließ sich der Graf mehr und mehr von jeder höheren Ansicht und
Lebensauffassung ablösen. Das Wenige, was ihm Kunigunde allmählig von ihrer
Seelenwärme, von ihrem Seelenadel mitgeteilt hatte, ging wieder unter in der
allgemeinen Welt-Epidemie der Selbstvergötterung - und das war der
