, weil sie Deine bösen Leidenschaften in
Fesseln halten will. Ach, Orest! Du wirst untergehen als das Opfer dieser
Leidenschaften, denen Du den Zügel schießen lassen willst.«
    »Bah! untergehen! .... Das könnte mir in dem verzweiflungsvollen Druck der
Gegenwart geschehen; aber nie in meiner Freiheit!« rief Orest. Plötzlich setzte
er hinzu: »Adieu!« sprang über den Wagenschlag hinweg, ohne sich Zeit zu nehmen
halten zu lassen, und eilte einem Seitenwege zu, weil er in der einsamen
Frauengestalt, die dort wandelte - Judit zu erkennen glaubte. Korona
erschauerte vor einer solchen Gefangenschaft aller höheren Seelenkräfte. »Er ist
ja willenlos gebannt an diese Judit!« seufzte sie und ließ den Heimweg
einschlagen. »Ob sie auch eine solche Leidenschaft für ihn hat? ob sie sich aus
Überzeugung taufen lässt? und wenn das sein sollte - könnte sie nicht dahin
gebracht werden, ihm als Christin zu entsagen?« -
 
                                Sonnenuntergang
Uriel war noch immer zu Windeck. Er konnte sich nicht entschließen, Onkel Levin
zu verlassen. Dankbarkeit, Verehrung und Liebe fesselten ihn an den Greis. Ihm
war zu Sinn, als müsse er die ganze Familie in dem Ausdruck zärtlichster
Ehrfurcht vertreten und als bleibe sie dennoch eine ewige Schuldnerin dieses
Greises, der ihnen allen, seit vier Generationen, das schönste Beispiel in
eindringlichster Weise gepredigt hatte: demütige Selbstverläugnung; nie durch
Worte, immer durch die Tat. Welch' ein Opfergeist gehörte dazu, um ein ganzes,
langes Leben freiwillig in der Abhängigkeit zuzubringen und in der
untergeordneten Stellung zu verharren, welche der Weltgeist ihm anwies! welch'
eine übernatürliche Liebe, um gerade von dieser Stellung aus, mit
unerschütterlicher Energie einer in Gottes Langmut wurzelnden Geduld, den
Weltgeist zu bekämpfen! welch' eine Kette von Seelenschmerzen, von Sorgen, Mühen
und Arbeiten um und für Seelen wickelte sich aus jeder Stunde, jedem Tage, jedem
Jahre dieses Lebens ab! Und niemand hatte ein Auge für diese unvergleichliche
Selbstverläugnung! Keinem fiel es ein, dass dazu eine himmlische Tugend gehöre!
Dass die Glücklichen der Welt ihres Glückes überdrüssig und ihrer Freuden müde
werden: man begreift es, man findet es in der Ordnung, denn der Mensch ist nun
einmal so geschaffen, um den Wechsel zu lieben und im einerlei - selbst des
Glückes - zu erschlaffen. Dass aber Onkel Levin je seiner Opfer, seiner
Entsagung, seiner Verdemütigung hätte müde werden können, daran hatte man nie
gedacht und daher war ihm auch nie die Anerkennung seiner Vollkommenheit zu Teil
geworden. Man brauchte ihn zu Rat und Tat, dann vergaß man ihn, und er war so
gleichgültig gegen sich selbst, dass er sich mild alle Vernachlässigung gefallen
ließ, um stets,
