 Wege, wie Hyazinth zu Judit gekommen war, verließ er sie und
sein nächster Gang war in die nächste Kirche, um vor dem Tabernakel den
verborgenen Gott anzuflehen, Sein begonnenes Werk der Gnade in Judits Seele zu
vollenden. Denn eine Bekehrung ist eine geistige Schöpfung; ein geistiges Leben
bricht aus dem geistigen Tode hervor; der verwesende Lazarus erhebt sich
lebendig aus seinem Grabe; das ist eine Gottestat. Und davon war Hyazinth so
fest durchdrungen, dass er jeden Blick auf sich selbst - den verzagten sowohl als
den selbstgefälligen - gänzlich aus dem Auge verlor und sich hingebend versenkte
in die unendliche Liebe des Gottes, der von sich gesagt hat: Er gehe als ein
guter Hirt jedem verirrten Schäflein nach. War Judit gewonnen, so konnte auch
Orest gerettet werden.
    Durch Judit's Seele brausten heftige Stürme. Sie hatten es so leicht und so
gleichgültig genommen, sich taufen zu lassen; so gar nicht geahnt, dass ihr
innerstes Wesen dadurch erschüttert werden könne, dass ihre Auffassung von Welt
und Leben, von Bestimmung und Ziel eine Veränderung erleiden würden. Und jetzt?
Sie saß unbeweglich in ihrer Kauseuse, mit geschlossenen Augen, die Stirne in
die aufgestützte Hand gelegt. So nahe ist mir das Göttliche, sprach sie zu sich
selbst, und in das Menschliche hab' ich mich vertieft und verloren. So weit bin
ich abgeirrt von meinem Ziel. Nun verstehe ich, weshalb das Leben mir als eine
Sphynx erschien, deren Rätsel ich nicht zu deuten vermochte und an dem ich mich
müde riet: die göttliche Offenbarung ist der Schlüssel zu dieser Hieroglyphe.
Der Abfall des ersten Menschen - die Erbsünde, welche das Ebenbild Gottes in
unserer Seele verletzt - die eigene Sünde, welche es zerstörend verwüstet und
dem Bösen in uns die Oberhand gibt - der grässliche Zwiespalt zwischen der
erstrebenden höheren Natur und der niederen, welche über sie triumphiert - das
Erbarmen der göttlichen Liebe, die sich demütigt, um das Niedrige wieder zu sich
zu erheben, die himmlischen Arzneien und himmlischen Bande in göttlich
geheimnisvoller Weise bereitet, um die siechen, hinsinkenden Seelen zu heilen
und zu fesseln - und die nichts begehrt, als die Gegenliebe der Geretteten -
eine Liebe, die den Hass des Bösen und die Widersagung der Sünde in sich
schließt, und das verwüstete Ebenbild Gottes wieder rein und klar zu machen
sucht - o wie ist das verständlich, wie ist das einfach! Wie befriedigt das alle
Fragen, welche rastlos in der höheren Natur kommen und wiederkommen; Fragen,
welche sie zuweilen in den Regionen der niederen Natur sich beantworten lässt,
wenn sie nicht fest an der göttlichen Offenbarung hält; Fragen von jener
furchtbaren Wichtigkeit, wie jene sind, um die sich das Menschenleben bewegt und
entfaltet, ja -
