. Nur muss ich Zeit haben, mich
zu besinnen, meine Gedanken zu ordnen, meine Verpflichtungen als Christin zu
überlegen« .... -
    »Zeit haben, um ein wenig zu beten,« setzte Hyazinth hinzu; »beten um den
Beistand des heiligen Geistes, dass er Sie erleuchte; beten um treue Befolgung
dessen, wozu die Gnade treibt; beten um großes Verlangen, die unendliche Liebe
Gottes zu erkennen.«
    »Ach, Signor!« unterbrach Judit ihn traurig, »ich verstehe nicht einmal, an
so hohe Dinge zu denken; wie könnte ich Worte finden, um sie zu erbitten?«
    »Es war einmal in den ersten Jahrhunderten des Christentums eine Tochter
Babylon's, die Taïs hieß, und die sich auf die dringenden Vorstellungen eines
heiligen Greises von der Welt zu Gott bekehrte. Sie hatte ihm gesagt, sie
verstehe nicht zu beten. Da riet der Greis ihr, weiter nichts zu sagen, als: O
Herr, der du mich erschaffen hast, erbarme dich meiner! Das tat sie mit solcher
inbrünstigen, demütigen, vertrauensvollen, reuigen Gesinnung, dass sie in dem
Maß, wie sie zuvor Gott verachtet hatte, nun ihn lieben lernte und unter den
großen heiligen Büssern der alten Tage ihren Platz einnimmt. Ohne Sie in irgend
einer Weise, weder vor noch nach Ihrer Bekehrung mit der heil. Taïs zu
vergleichen, könnten Sie doch auch beten mit wenigen Worten und mit um so
größerer Inbrunst.«
    Judit ging unruhig im Zimmer auf und nieder, während Hyazinth sprach.
Endlich blieb sie vor ihm stehen und rief:
    »Sie haben große Dinge in der kurzen Zeit gesagt - größere, als ich je im
Leben gehört habe. In den wunderbaren Geheimnissen von der Liebe Gottes zu
seinem Geschöpf, die ihn antreibt, sich mit dem Menschengebilde von Staub und
Asche zu vereinigen und in die Erniedrigung einzugehen, um diesem armseligen
Menschengeschlecht ein etwas von seiner göttlichen Natur mitzuteilen und ihm die
verlorene Anwartschaft auf das ewige selige Leben zurückzubringen: darin öffnet
sich mir die Perspektive in eine ganz neue Welt. Aber Signor, wer sind Sie denn,
dass ich Ihnen Glauben schenke?«
    »Ich bin ein ganz geringer und unbedeutender Priester, noch jung, wie Sie
sehen, Signora, und ohne irgend ein Verdienst, so dass meine Persönlichkeit nicht
geeignet sein kann, Ihnen das mindeste Vertrauen einzuflößen; das ist in der
Ordnung. Aber als ein Priester der heiligen katholischen, von Christus Selbst
auf den Felsen Petri gegründeten und von den Aposteln ausgebreiteten Kirche,
habe ich, trotz meiner Unwürdigkeit, die Gnade, das Glück und die Ehre, zu den
Nachfolgern und Mitarbeitern der Apostel bei der Verkündigung des Evangeliums zu
gehören, denn ich habe
