 der Höhe der Intelligenz ruht
der Glaube, wie die Krone auf einer Geisterstirn. Bei Ihnen vielleicht erst im
Keim, als Glaubensbedürfnis, oder als Wunsch und Verlangen zu glauben; aber der
Keim ist vorhanden, wie in jedem Menschen, der mit Vernunft begabt ist. Der
Glaube ist das Band zwischen der Seele und ihrer Heimat. Er gibt ihr die
Anwartschaft auf ein Bürgerrecht, welches Sie, Signora, gewiss nicht im Staube
des ärmlichen Erdenlebens suchen.«
    »Wenn wirklich in jeder vernünftigen Seele der Glaubenskeim ruht, warum
entwickelt er sich nicht? warum bleibt der Mensch in seinen Zweifeln, in seinen
Verneinungen? warum wendet er sich von der göttlichen Offenbarung ab und seinen
eigenen Ideen zu, an die er mit Fanatismus glaubt, während sie anderen durchaus
verkehrt erscheinen?«
    »Weil der Mensch seinen freien Willen hat. Wie er der Liebe eine verkehrte
oder rechte Richtung geben kann: so kann er den Glaubenskeim entwickeln oder
ersticken. Glaube und Liebe werden ihm nicht wie etwa Seh- und Gehörwerkzeuge
ein für allemal äußerlich gegeben. Wenn das wäre - wo bliebe seine sittliche
Freiheit? und fehlte ihm die, wo wäre dann seine Würde, seine Tugend? Gab Gott
dem Menschen die Vernunft und die Fähigkeit, das göttliche Gesetz mit dem
Glauben annehmen und mit der Liebe umfassen zu können: so musste er es dem Willen
des Menschen anheim stellen, beides auch verwerfen zu können. Christus sagt: Ich
stehe vor der Tür und klopfe an. Diese Türe kann verschlossen bleiben und kann
geöffnet werden. Zum Öffnen - treibt die Gnade an; zum Verschliessen - die Sünde;
oder die Neigung zu ihr.«
    »Und wenn wir öffnen, Signor?«
    »So tritt Christus bei uns ein, der verheissene Erlöser, und nimmt Wohnung
bei uns. Er richtet die gefallene Natur wieder auf, er stellt die Kraft der
sündensiechen Seele wieder her, er bringt ein himmlisches Leben da hervor, wo
schon der Verwesungsqualm des ewigen Todes brodelte. Er gießt ein
übernatürliches Licht dort aus, wo schon die Regionen der ewigen Finsternis
herauf dämmerten - und dies Licht erleuchtet und verklärt die Seele, befähigt
sie zu hoher Erkenntnis, zu reiner Liebe und zur Beharrlichkeit in der
Kindschaft Gottes.«
    »Bin ich kein Kind Gottes, Signor?«
    »Doch, Signora, denn Sie sind sein Geschöpf - und zu jedem seiner Geschöpfe
hat er gesagt durch den Mund des Propheten: Mit ewiger Liebe lieb' ich dich;
darum habe ich dich zu mir gezogen aus lauter Güte. Aber er trauert noch um Sie.
Sie haben sich noch nicht unter seine schirmenden Flügel geflüchtet, die er
ausbreitet, wie eine Henne für ihre Küchlein. Das Licht Christi, die
heiligmachende Gnade,
