 Sie denn Sünde, Signor?«
    »Ich bin nur das Organ der lehrenden Kirche und sie spricht: Die Sünde ist
eine Übertretung des göttlichen Gesetzes. Gott schuf den Menschen nach seinem
Bilde mit einer liebenden Seele, welcher die Liebe zu ihrem Urbild innewohnt;
aber nicht als Zwang, nur als Neigung, denn die Liebe hat nur dann Wert, wenn
sie auf besonnener freier Wahl beruht. Sie ist kein Feuer, das den ersten besten
brennbaren Gegenstand ergreifen und verzehren darf; sie soll das suchen, was
ihre Flamme dauernd nährt, ohne Zerstörung um sich her zu verbreiten. Gott ließ
dem ersten Menschenpaar die Wahl, ob es seiner himmlischen Bestimmung gemäß in
der Liebe und Anbetung der göttlichen Schönheit alle Kräfte seines Wesens
entfalten und in ihrer Entfaltung selig sein wolle; oder ob es zum Gegenstand
seiner Liebe etwas machen wolle, was Gott nicht ist. Wie unsere Stammeltern
wählten - das wissen wir! sie missbrauchten die himmlische Gabe ihrer Freiheit zu
einem beweinenswerten Akt ihres Willens, sagten ihrem Schöpfer den Gehorsam auf
und wendeten sich dem Bösen zu, das er verboten hat. Darum sagt einer unserer
größten heiligsten Kirchenlehrer, St. Augustinus, mit energischer Kürze: Die
Sünde ist die Verachtung der Liebe Gottes.«
    »Ah, Signor!« rief Judit, »wenn das Sünde ist, ach! dann gibt es viel Sünde
auf Erden! denn wer denkt überhaupt an die Liebe Gottes!«
    »Bei jedem von uns wiederholt Gott die Prüfung, welcher er unsere
Stammeltern unterworfen hat, und wie wir dieselbe bestehen, das kann jeder sich
selbst am besten beantworten. Die göttliche Liebe, die uns selig machen will in
Ewigkeit, wenn wir mit kindlichem Gehorsam ihr anhangen - sie wird verschmäht
und gedankenlos, wie ein um sich fressendes Feuer, werfen wir unsere Liebe auf
Dinge, die unserer sinnlichen Natur schmeicheln und ziehen unserem Gott - einen
Apfel vor.«
    »Das ist grässlich wahr!« rief Judit und schlug die Hände ineinander. So
macht es der Mensch. Aber sind das wirklich seine uranfänglichen Geschicke? sind
es nicht Parabeln? nicht Myten?«
    »Und wenn es der poetische Ausdruck für eine allgemeine Wahrheit wäre, so
hätte Ihr Ausruf, so gut wie die innere Geschichte jedes Menschen, ihm
beigestimmt. Allein Sie werden wohl wissen, Signora, dass es wirklich und
wahrhaft die uranfänglichen Geschicke der Menschheit sind, welche in den
heiligen Büchern der Offenbarung von dem gotterleuchteten Moses aufgezeichnet
wurden. Sie sagten ja vorhin, dass Sie der Gotteskunde Glauben schenkten. Nun,
ein solcher Gotteskundiger war Moses gewiss. Kommen Ihnen Zweifel, so ist das nur
die Folge der Schwankungen, welche im menschlichen Verstande, in seiner
Fassungsgabe und Urteilskraft vor sich gehen. Auf
