 schwunghafte, wie das mäßig begabte Herz: alle ohne
Ausnahme gelangen zu der ihnen möglichen Stufe der Vollkommenheit nur dadurch,
dass sie Gott zum Mittelpunkt ihres Lebens machen.«
    »Gelangen viele zu der Stufe von Vollkommenheit, die ihnen erreichbar war?«
    »Das kann allein der allwissende Gott entscheiden. Wir wissen nur, dass die
Mittel dazu einem jeden zu Gebot stehen.«
    »Es werden aber große Opfer verlangt, um sie zu erreichen; und an der
Eigentümlichkeit wird so viel geschliffen und gemodelt, dass wenig davon übrig
bleiben mag.«
    »Signora, ich sehe da in Ihrem Schmuckkasten einige wunderschöne Smaragden.
Ehe sie geschliffen waren, mögen sie noch einmal so groß gewesen sein, als sie
jetzt sind, und dennoch sind sie jetzt ungleich schöner und kostbarer als zuvor,
denn das Licht spiegelt sich in all ihren Facetten und lockt den glühenden Glanz
ihrer Farbe funkelnd hervor. So soll von der Eigentümlichkeit des Menschen, von
seinem Charakter, seinem geistigen Wesen, welche ihm sein besonderes Gepräge
geben, nur das verschwinden, was dessen Schönheit beeinträchtigt und was das
Licht hindert, den spielenden Farbenzauber erstrahlen zu lassen.«
    Judit hatte die Smaragdnadel in ihre Hand gelegt, betrachtete sie
nachdenkend und fragte:
    »Aber was ist das für ein Licht, welches dem geistigen Sein des Menschen
seine Schönheit gibt?«
    »Das ist der menschgewordene Gott, Christus, der Erlöser der Welt. Auf jeder
Facette unseres Wesens sollen wir sein Abbild tragen: dann sind wir schön! Da
wir aber statt dessen unser eigenes Bild oder die Abbilde der Welt tragen,
welche durch die Sünde verzerrt und entstellt sind, so muss das erst
abgeschliffen werden, bevor die Spiegelung eintreten kann.«
    »Die Sünde!« rief Judit im Ton des Vorwurfes; »aber es begehen doch nicht
alle Menschen Sünden, welche den Charakter entstellen und das Herz verderben.«
    »Ich weiß nicht, welchen Sünden Sie das Privileg erteilen, Signora, den
Charakter zu verderben.«
    »Nun, zum Beispiel dem Geiz, der Heuchelei, der Lüge.«
    »Nicht wahr, Signora,« fragte Hyazinth mit sanftem Lächeln, »Sie sind
großmütig? und Sie sind des Komödienspiels so überdrüssig, dass Sie die Komödie
der Welt im Fach der Heuchelei und Lüge nicht mitspielen mögen?«
    »Sie können Recht haben, Signor.«
    »So macht es der Mensch: diejenigen Fehler und Leidenschaften, die er nicht
hat oder die seinen guten Eigenschaften entgegengesetzt sind - nur die nennt er
Sünde. Was er aber bei sich selbst findet ....« -
    »Nennt er Schwäche, traurige Schwäche, die seiner irdischen Natur anklebt,«
unterbrach Judit ihn ruhig. »Und was nennen
