 sie sich nach
der Offenbarung einer Wahrheit sehnte, von der sie im innersten Wesen zugleich
erleuchtet und ergriffen genug würde, um sich mit all' ihren hochfliegenden
Plänen ihr zu opfern.«
    »Man kann das nicht ersehen, was man nicht kennt, Signor Abbate, und sie
steht ja außerhalb der Gnaden des Christentums, kennt also nur ein natürliches
Licht, natürliche Gaben, natürliche Empfindungen. Wer kann sagen, welche Wünsche
nach himmlischen Dingen in ihr erwachen werden, wenn sich die himmlische Licht-
und Gnadenwelt vor ihr auftut. Ich meine, Signor Abbate, Sie sollten zu ihr
gehen, und ihr sagen, Sie wären der Geistliche, den sie begehrt habe und Sie
wären mit mir befreundet. Ich weiß wohl, dass ich dieser Ehre nicht wert bin,
aber ich weiß auch, dass Sie um des bitteren Leidens willen, welches der
göttliche Erlöser für mich geduldet hat, mir befreundet sind.«
    »Wird sie nicht misstrauisch werden, wenn sie meinen Namen erfährt.«
    »Den darf sie vor der Hand nicht wissen! Sie brauchen ja nur, wenn sie
fragen sollte, Ihren Taufnamen zu nennen.«
    »Und wenn ich meinen Bruder dort träfe!«
    »In den Morgenstunden treffen Sie ihn nie. Dann ist sie immer allein, mit
musikalischen Studien und mit Lektüre beschäftigt.«
    »Was in aller Welt kann aber meines Bruders Absicht sein, da es unmöglich
ist, seine Ehe für ungiltig zu erklären!«
    »Judit selbst scheint es nicht zu wissen. Sie macht sich nur ihrerseits
bereit, damit sie keine Verzögerung in die Angelegenheit bringt, sobald diese
eine günstige Wendung nimmt.«
    »Entsetzlich!« rief Hyazinth, »mit einer solchen Kaltblütigkeit ein heiliges
Verhältnis zu zerreißen.«
    »Sie wähnt das Glück des Grafen Orestes zu begründen.«
    »Ja, sie! aber er! aber er! Ach, ich fürchte fast, er wird noch schwerer zu
bekehren sein, als sie. Ihr ist die Gnadenwelt verschlossen gewesen; aber er
gehörte derselben an und verlässt sie! und verachtet sie! sein Zustand ist viel
gefährlicher.«
    »Allerdings!« entgegnete Lelio; »allein uns stehen augenblicklich keine Wege
zu Gebot, auf denen wir an seine Seele heran kommen könnten, während sie bei
Judit geebnet sind. Ist das nicht eine höhere Fügung, dass sie katholischen
Unterricht begehrt?«
    »Ich muss mich besinnen, was ich zu tun habe,« sagte Hyazinth. »Ich muss
beten, um den Willen Gottes zu erkennen. Ich muss mich mit so vollkommener
Hingebung als Werkzeug ihm anbieten, dass meine Armseligkeit seine großen,
liebevollen Absichten nicht vereitelt. Neun Tage muss ich Zeit haben, Signor,
schließen Sie sich meiner
