, um sogleich wieder unter denselben zu verschwinden, steht
diese Ahnung von der Offenbarung einer übernatürlichen Liebe tief am Horizont
der heidnischen Welt, und deren Wolken und Nebel fluten über sie dahin - ohne
sie zu vernichten. Sie bleibt unerschüttert in den höheren Naturen. Der
Baalsdienst, das Molochopfer, die bacchischen Geheimnisse gleiten an ihren Augen
vorüber, wirbeln die Wolken ihres Taumels, ihrer Berauschung, den Duft ihrer
Blumenkränze, das Licht ihrer Fackeln zu ihnen empor; aber sie bleiben
unberauscht, unbetäubt, unbeirrt und halten fest an der Ahnung, dass sich die
göttliche Wahrheit in anderer Weise offenbaren werde. Und zu diesen erhabenen
Naturen in der heidnischen Welt gehören Rafaels Sibyllen. Er hat einen
Schönheitscharakter für sie erfunden! Das sind nicht Musen, Grazien, Göttinnen
der antiken Kunst; das sind aber auch nicht Fiesole's und Luini's selige
Jungfrauen, nicht Perugino's und Francia's weltentfremdete Heilige; es sind
Gestalten, in denen sich die Hoheit ausspricht, welche der gefallenen Menschheit
vom Ebenbild Gottes aufgeprägt bleibt, wenn sie, um dies Bild zu bewahren, von
den Scheingebilden der Erde sich abwendet. Es liegt eine überirdische Schönheit
auf diesen Sibyllen; aber übernatürlich ist sie nicht; sie ist noch nicht von
der Gnade verklärt.
    »O, das ist aber etwas unvergleichlich Schönes!« rief Judit vor dem
Gemälde; »man möchte dem Blick dieser Augen nachgleiten, tief und immer tiefer,
in die Zukunft hinein, um das zu schauen, was sie schauen; denn das muss etwas
Großes sein, weil es ihnen diesen erhabenen Ausdruck gibt.«
    »Ja,« sagte Lelio, »sie schauen in das verschleierte Auge der Welt.«
    »Und warum entschleiert es sich nicht vor solchen Seelen?«
    »Warum wandeln wir zwischen Wiege und Grab? warum wechseln Tag und Nacht mit
einander ab? Es gibt Fragen, Signora, welche nur durch andere Fragen zu
beantworten sind.«
    »Rafael ist unvergleichlich in der Gruppierung,« sagte Madame Miranes. »Wie
schwierig war sie hier! Vier Frauengestalten über den Bogen! aber sie treten so
natürlich zusammen, als gäbe es gar keinen anderen Platz für sie auf der Welt.«
    »Ich finde, dass die Sibylla Samia Ihnen etwas ähnlich ist, Judit,« sagte
Orest.
    »Ich wünschte die Ähnlichkeit läge im Ausdruck,« erwiderte sie - und
unwillkürlich trat das Gespräch über die Sibylla persica, das sie einst mit
Ernest hatte, vor ihre Seele, als er ihr sagte: die Grossartigkeit der Sibyllen
bestehe darin, dass sie das Geheimnis von der Menschwerdung Gottes im Geist
geschaut hätten.
    So fand jeder vor dem Bilde das, was seine Seele beschäftigte, und lange
verweilten sie dabei
