 ihm, wie mir scheint, wenn ich protestantisch getauft würde.
Aber ich kann mich nicht dazu entschließen und weiß weshalb. Und da auch Graf
Orest es weiß, so lässt er mir freie Hand, denn er legt wenig Gewicht auf die
äußeren Formen des einen wie des anderen christlichen Bekenntnisses. Das wird
einen wunderbaren Kontrast geben, nicht wahr, Lelio? Abends sing' ich in der
Oper und Morgens studiere ich den Geist des Christentums. Ich liebe solche
Kontraste.«
    »So lange, bis sie in Konflikt mit einander geraten - nicht wahr, Signora?«
    »Zum Konflikt kommt es nicht, Lelio! ich trete mit Freuden von der
Bühnenwelt in's Privatleben zurück. Mit dem Beginn der Fastenzeit hören meine
Verpflichtungen hier auf. Hat Graf Orestes bis dahin seine Verhältnisse ordnen
können, so steht unserer Verbindung nichts im Wege, und dann ist's auf ewig aus
und vorbei mit der berühmten Sängerin Judit Miranes! Sie müssen mir dazu Glück
wünschen, Lelio, denn ich freue mich darauf, wie auf eine Erlösung. Bringen die
Verhältnisse des Grafen noch eine Zögerung mit sich, so muss man sich fügen; und
in dem Fall will ich nach Neapel gehen - doch nur aus Liebhaberei. Jetzt aber
wollen wir Rafaels berühmte Sibyllen bewundern, die ja Ihre Kirche Santa Maria
della pace schmücken.«
    Orest stellte sich ein, Madame Miranes erschien, und sie fuhren nach jener
Kirche, die ein so wunderschönes Kunstwerk umschließt, wie die Gruppe von vier
Sibyllen ist, welche Rafaels Pinsel mit der ganzen Fülle seines Seelenzaubers al
fresco an den Bogen einer Kapelle gemalt hat. Da ruhen sie in stiller Sammlung
und lassen den Strom des Lebens unbeachtet an sich vorüber rauschen und schauen
über ihre Gegenwart und über die kleinen Geschicke der Menschen mit ihren
wunderbaren, nicht bloß sehenden, sondern wissenden Augen, in den göttlichen
Lebenskeim, den die Zukunft ihnen entschleiert hat, klar hinein. Nie ist das
Heidentum edler, schöner, tiefsinniger aufgefasst und dargestellt worden, als
durch diese Sibyllen. Die Ahnung von einem Erlöser, einem göttlichen Sühnopfer,
einem Hineintreten des Göttlichen in das Menschliche, um dieses zu einer
verlorenen Glückseligkeit, zu einer höheren Stufe des Seins zurückzuführen,
durchzittert die ganze antike Welt, wie die Schwingung einer Seite, die nur
klingt, aber keinen bestimmten Ton anschlägt. Und dies Ahnungsvolle in der
antiken Welt, das in ihren größten Menschen, in einigen ihrer Kunstschöpfungen,
in manchen Myten, in einzelnen geheimnisvollen Lehren sich äußert, um dann
wieder in einem Meer von wüsten Fabeln des Geistes, von wilden Orgien der
Phantasie unterzugehen, gibt ihr einen eigentümlichen Reiz, etwas
Tragisch-Anziehendes. Wie ein Gestirn aus einer anderen Hemisphäre, das nur am
Horizont aufleuchtet
