, auch Nationalgarden und Gensdarmen; keiner rührte sich, keiner
versuchte den Mörder festzuhalten. Sie waren also entweder mit ihm einverstanden
oder gleichgültig gegen die grässliche Tat und der Diener des Grafen fand kaum
Beistand genug, um den Entseelten in ein benachbartes Zimmer zu tragen. Am Abend
durchrasten wütende Banden mit brennenden Fackeln die Straßen, tanzten unter den
Fenstern der unglücklichen Witwe ihres Schlachtopfers und sprachen ihr
Einverständnis mit dem Meuchelmörder unverholen aus. Sie sangen ein Lied, das
den Dolch heilig nannte, der einen Verräter traf. Sie wollten Beifall hören -
und die abgestumpfte Masse klatschte Beifall. Sie wollten Freudenbezeugungen
sehen, zwangen mit Drohungen die Straßen, durch welche sie zogen, zu
Illumination - und man illuminierte.«
    »O genug und übergenug!« rief Judit. »Das erweckt Grauen am hellen Tage.
Sie waren doch nicht bei diesen schauderhaften Szenen, Lelio?«
    »Nein, Signora! um solche Auftritte wussten nur die Häupter der Patrioten und
deren geheime Agenten. Unsereiner erfuhr nur nachträglich die Tatsache und zwar
so, dass der Höllenpunsch zu einer Limonade abgeschwächt erschien. Ein
beklagenswertes Ereignis - einige Exzesse - gerechtfertigtes Misstrauen der
Patrioten: so glitt die ganze Begebenheit in den Strom der revolutionären
Bewegung hinein. Aber Sie begreifen, Signora, dass man Angesichts einer solchen
Tat mit einigem Recht an Sühnung derselben denken kann.«
    »Die Geschichte weist dergleichen Taten in Masse auf,« sagte Florentin kalt.
    »Nur mit dem Unterschied,« entgegnete Lelio, »dass sie in gesetzlich
geordneten Zeiten von einem Einzelnen und unter dem Abscheu der großen Menge -
hier aber unter massenhafter Teilnahme verübt wurden. In revolutionären Zeiten
erlebt man freilich überall, dass ein Teil der Menschheit an edlem Mut und
Rechtsgefühl kläglich bankrott macht und mit den Wölfen heult, um nicht für ein
Lamm zu gelten und von den Wölfen zerrissen zu werden.«
    »Dahin kommt man mit Ihren Theorien, Signor Fiorino,« sagte Madame Miranes.
»Das sehen Sie ja selbst ein und leugnen es auch gar nicht. Aber weshalb sagen
Sie sich denn nicht davon los? das fasse ich nicht. Es muss Ihnen ja ganz
unheimlich sein in Verhältnissen zu stehen, die jede Untat gut heißen, wenn sie
in ihr System passt.«
    »Ja, Fiorino!« sagte Judit, »Sie können am Ende Ihr Rechtsgefühl so
abstumpfen und Ihr Gewissen so verfälschen, dass Sie selbst in Ruchlosigkeit
verfallen. Machen Sie es wie Lelio: treten Sie zurück.«
    »Sie sind eingeschüchtert durch eine Tat, die in der hohen Politik, welche
zuweilen der Geist eines Volks in gewichtigen Momenten ausübt, nicht
ungerechtfertigt erscheint,« sagte Florentin eiskalt.
    »Und Sie sind unverbesserlich!« rief Judit.
    »Hörten Sie
