 in
tausend Kanälen, deren Zusammenhang das Menschenauge freilich selten entdeckt,
in die ganze menschliche Gesellschaft über. Denn der Mensch ist nicht ein
abgerissenes Einzelwesen, das ohne Zusammenhang mit seinesgleichen und mit den
Höhen und den Tiefen, die ihn umgeben, sein Dasein für sich allein hat, wie eine
Kugel dahin rollt. Durch das Gnadenleben, welches Christus der Menschheit
gebracht hat, ist sie in eine übernatürliche Gemeinschaft eingetreten und zu
einem mystischen Leibe geworden, an welchem die Schönheit und Vollkommenheit
jedes einzelnen Gliedes dem Ganzen zur Zier gereicht. Indem jeder einzelne an
seiner Vervollkommnung arbeitet, dient er zugleich der übernatürlichen
Gemeinschaft und trägt, nach dem Maß, das ihm geworden, sein Sandkorn oder
seinen Edelstein zu ihrer Vervollkommnung bei. Wer es nicht tut, reißt eine
Lücke in sie; seine Arbeit fehlt; der Platz ist leer, den er ausfüllen sollte,
und alsbald zeigt sich und vergrößert sich der Schaden. Wo eine Lücke war,
bröckelt mehr und mehr die Mauer ein, bis sie zusammenstürzt und aus einem
schönen Gebäude einen Schuttaufen macht, worin hässliches Getier wohnt. Je mehr
der Mensch von der Wahrheit und Wärme dieser übernatürlichen Lebensgemeinschaft
durchdrungen ist, welche durch die Menschwerdung Gottes begründet und durch die
Sakramente erhalten wird, desto schärfer erkennt er den Frevel gegen diese
göttliche Liebesordnung, der in der Sünde liegt; desto schmerzlicher beweint er
die Vereitlung göttlicher Liebesabsicht, welche sich der Frevler in sündiger
Verblendung zu Schulden kommen lässt. Und das war Hyazints untröstlicher Gram:
die Sünde hatte sich eingenistet in seinem Hause! sein Bruder vergaß Gott und
seine Pflicht und huldigt einem Götzen und seiner Leidenschaft; und wie weit der
innere Abfall ihn auch äußerlich noch stürzen werde - das war nicht zu berechnen
und ließ den schlimmsten Befürchtungen Raum. Ihm war zu Mut, als müsse er sich
vor den Abgrund werfen, dem Orest zutaumelte, und den Berauschten auffangen und
festhalten - sollte er auch unter der Last zusammenbrechen. Mit
unaussprechlichen Ängsten und mit grenzenlosem Vertrauen bat und flehte, weinte
und seufzte er vor Gott um die Rettung seines Bruders, und indem er sein Kreuz
an das des göttlichen Erlösers lehnte, begehrte Hyazinth sein Opfer mit dem
Opfer des Gottessohnes zu vereinigen und die Seelen zu lieben, wie Christus sie
geliebt hat: für alle sein Blut zu vergießen, für die fremdeste, die geringste,
die unbekannteste - nicht für Orest allein.
    So lebten sie alle ein Doppelleben, wie das bei den meisten Menschen der
Fall ist; äußerlich - rosenrot, Sammt und Seide, gefälliger Umgang, genussreiche
Unterhaltung. Trat dann jeder in sein Kämmerlein zurück, so war es anders! da
fand sich jeder gegenüber seinem Herzen, das die Folge und Strafe der Sünde, der
eigenen und der fremden - einen
