 kein Zusammenhang zwischen ihm
und uns besteht.«
    »Was wäre denn das Leben Deines Geistes und Deine unsterbliche Seele?«
fragte Lelio.
    »Der Geist ist ein Erzeugnis der Tätigkeit des Gehirns,« erwiderte
Florentin, »entwickelt sich mit dem Gehirn und stirbt mit ihm dahin. Das lässt
sich beobachten von der Wiege bis zum Grabe, vom Kinde bis zur Leiche.
Unsterbliche Seelen hat die Wissenschaft noch nicht entdeckt. Sie fallen mitsamt
jenem höheren Wesen, jenem außer- und überweltlichen Gott, in die Kategorie der
Fabel. Spricht also ein Mensch zu diesem Wahngebilde, so macht er den Eindruck
eines Fieberkranken, der seine Phantasien für Wahrheit hält. Wie kann da von der
Würde des Menschen die Rede sein? Ein aufrichtiger Mensch, der nicht mit sich
selbst und nicht für andere geflissentlich Komödie spielt - was könnte der wohl
in einer solchen betenden Situation sagen?«
    »Vergib uns unsere Schuld,« erwiderte Lelio ernst.
    Florentin erbleichte und schwieg. Orest rief:
    »Allons, Florentin, Antwort! Soll der römische Katholik das letzte Wort
haben gegen Jung-Deutschlands freien Forscher?«
    Madame Miranes aber, die eine grenzenlose Langeweile bei solchen Gesprächen
empfand und gar nicht begriff, wie Judit ihnen stets mit Interesse folgen möge
- benutzte den günstigen Augenblick und rief:
    »Barmherzigkeit! wir werden hier auch zu Martyrern! wir erfrieren in diesen
Steinmassen, denn die Sonne ist fast untergegangen und die feuchte Novemberluft
ist so schädlich.«
    Die Gesellschaft brach auf, durchwanderte noch die übrigen Gänge und Räume
des Koliseums und stieg dann wieder in die Arena hinab. Die Kreuzwegandacht war
zu Ende. Der selige Leonardo von Porto Mauricio hat nicht bloß die Errichtung
der vierzehn Stationskapellchen im Koliseum bewerkstelligt, sondern auch eine
Bruderschaft gegründet, welche die Verpflichtung übernahm und bis zur Stunde
erfüllt, jeden Freitag daselbst die Anbetung des Gekreuzigten öffentlich zu
verkünden. Ihr schließen sich gewöhnlich andere Andächtige an; und einige von
diesen knieten noch betend an verschiedenen Stationen. Auch zwei Kapuziner, von
denen der eine einen Sack über die Schulter gehängt trug. Als Judit an ihnen
vorüberging, stockte ihr Schritt unwillkürlich und Florentin rief laut genug, um
von den Kapuzinern gehört zu werden:
    »Der Auswurf der Menschheit: Tagediebe, Faullenzer, Bettler und Heuchler in
einer Person!«
    »Die Blüte des Christentums und deshalb von den modernen Heiden gehasst!«
rief Lelio ebenso laut.
    Die Kapuziner befolgten den Rat, den ein alter ägyptischer Einsiedler einem
Jüngling gab: sich gegen Lob und Tadel der Menschen wie eine Bildsäule zu
verhalten. Judit sagte im Weitergehen:
    »Fiorino, Sie machen es mir unmöglich, Sie hier in meiner Begleitung
aufzunehmen. Solche rohe Äußerungen will ich nicht hören - und umso weniger,
